Mariateresa Lazzaro arbeitet seit 2020 am FiBL. Zuerst in Brüssel, dann in der Schweiz, wo sie seit 2025 gemeinsam mit Monika Messmer die Gruppe Pflanzenzüchtung leitet. Sie hat in Italien Agronomie und Pflanzenzüchtung studiert und in Agrarbiodiversität promoviert.
Derzeit spüren wir die Folgen des Klimawandels recht deutlich – der Sommer war bisher sehr heiss und trocken. Welchen Beitrag kann die Pflanzenzüchtung im Umgang mit dem Klimawandel leisten?
Der herausfordernde Sommer 2026 mit seiner intensiven Hitze und den Trockenperioden zeigt, wie dringend es ist, unsere Landwirtschaftssysteme an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen. Die Züchtung, das heisst die Entwicklung neuer Sorten, kann sehr nützlich sein, um die Klimaanpassung zu verbessern. Dies indem klimaresistente, ressourceneffiziente Sorten entwickelt werden – von Nutzpflanzen, deren Anbau bereits etabliert ist, aber auch von vernachlässigten und neu eingeführten Kulturpflanzen.
Ein Schwerpunkt für die Schweizer Bedingungen liegt dabei auf der Verbesserung der Toleranz gegenüber abiotischem Stress wie Trockenheit und extremer Hitze durch die Einführung neuer Kulturpflanzen und die Entwicklung von Sorten, die für die zukünftigen Anbaubedingungen besser geeignet sind. Dazu gehört die Selektion auf Merkmale wie beispielsweise tiefere Wurzeln für eine bessere Wasseraufnahme oder die Entwicklung von Sorten, deren Abreife an das Klima angepasst ist.
In der Gruppe Pflanzenzüchtung arbeitet ihr derzeit unter anderem mit der Augenbohne im Hinblick auf zukünftige Klimastrategien. Warum gerade mit dieser Kultur?
Die Augenbohne (Vigna unguiculata) stammt ursprünglich aus den semiariden Regionen Afrikas. Sie ist daher von Natur aus an heisse und trockene Bedingungen angepasst, die für viele andere Hülsenfrüchte eine Herausforderung sind. Als Hülsenfrucht bindet die Augenbohne durch Symbiose mit Bakterien Stickstoff aus der Luft im Boden und verbessert damit die Bodenfruchtbarkeit und reduziert den Bedarf an externen Inputs. Die Augenbohne ist eine wertvolle Proteinquelle sowohl für Nahrungs- als auch für Futterzwecke. Alle Teile der Pflanze – Blätter, grüne Hülsen und getrocknete Bohnen – sind essbar, und die Nährstoffzusammensetzung ist ausgewogen. Darüber hinaus bietet ihre späte Blütezeit eine wichtige Nahrungsquelle für Insekten gegen Ende der Saison und trägt so zur Biodiversität bei.
Was wollt ihr mit diesem Projekt erreichen?
Das übergeordnete Ziel ist es, die Widerstandsfähigkeit unserer landwirtschaftlichen Systeme durch die Diversifizierung der Anbaumöglichkeiten und Proteinquellen zu stärken. Wir versuchen, die Anzahl der in der Schweiz für den Anbau verfügbaren Hülsenfrüchte zu erhöhen. Die Augenbohne ist mit ihrem kurzen Wachstumszyklus und ihrer Hitzetoleranz eine hervorragende Kandidatin für die Einführung als Zusatz- oder Zweitkultur im Sommer. Um dies zu erreichen, wollen wir die verfügbare Vielfalt bestmöglich nutzen und prüfen Genbankmaterial und kommerzielle Sorten aus traditionellen Anbaugebieten auf ihre Eignung für die Schweiz.
In den ersten beiden Versuchsjahren wurde deutlich, dass Züchtungsmassnahmen erforderlich sind, um diese Kulturpflanze vollständig an unsere Breitengrade anzupassen. Daher ist ein weiteres Ziel, innovative Sortentypen mit hoher Diversität zu entwickeln, sogenanntes ökologisch heterogenes Material (OHM). Dies fördert die genetische Vielfalt innerhalb einer Sorte. OHM ist eine Pflanzenpopulation, die gemeinsame Merkmale aufweist, aber ein hohes Mass an genetischer und phänotypischer Vielfalt bewahrt. Dieser Ansatz ist ideal für die Klimaresilienz. Da die Population vielfältig ist, wird es immer einzelne Pflanzen geben, die unter spezifischen und oft unvorhersehbaren Umweltbelastungen gute Leistungen erbringen können. Diese Vielfalt wirkt als natürlicher Puffer und führt im Laufe der Zeit zu stabileren Erträgen als genetisch einheitliche Sorten. Diese Strategie ist zudem kosteneffizient, da sie unaufwändiger ist und die OHM-Populationen in der EU über ein einfaches Meldeverfahren vermarktet werden dürfen.
Wie geht ihr im Projekt vor und was konntet ihr bereits erreichen?
Der Prozess begann damit, eine breite Palette an genetischem Material, darunter kommerzielle Sorten und traditionelle Landsorten, zu sammeln und zu charakterisieren. Dies, um vielversprechende Sorten zu identifizieren, die bereits angebaut werden können. Wir haben einige interessante Sorten gefunden, die unter den hiesigen Bedingungen Potenzial zeigen, und testen diese derzeit an verschiedenen Standorten in der Schweiz.
Ausserdem haben wir mit den ersten Kreuzungen begonnen, um Populationen mit hoher genetischer Vielfalt zu entwickeln – als grundlegender Schritt zur Schaffung des OHM. Dieses Material soll dann über mehrere Pflanzengenerationen hinweg unter Schweizer Praxisbedingungen vermehrt werden, um natürliche Selektion und Selektion durch Landwirt*innen zu ermöglichen.
Mit welchen weiteren Themen im Zusammenhang mit dem Klimawandel beschäftigt ihr euch in der Gruppe Pflanzenzüchtung?
Wir haben bereits grosse Fortschritte bei der Züchtung der weissen Lupine (Lupinus albus) erzielt. Schon 2014 wurde dazu ein Programm gestartet, das in enger Zusammenarbeit mit der Getreidezüchtung Peter Kunz (gzpk) darauf abzielt, neue, an die Schweizer Verhältnisse angepasste Sorten der "Soja des Nordens" zu liefern. Landwirt*innen und Lebensmittelproduzent*innen zeigen zunehmend Interesse daran.
Ausserdem umfasst unsere Forschung die Züchtung von Pflanzen auf ihre Eignung als Mischkultur und genetische Untersuchungen bei Populationen von Gerste, Raps und Weizen. Diese wurden zuvor mit wilden Verwandten der Kulturpflanzen gekreuzt und sollen an verschiedene Bewirtschaftungssysteme angepasst werden.
All diese Projekte dienen dem Ziel, dass auf Schweizer Feldern mehr Biodiversität im Anbau entsteht – als Beitrag für eine klimaresistente, umweltfreundliche und nährstoffreiche zukünftige Pflanzenproduktion.
Interview: Theresa Rebholz, FiBL