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"Ein Hitzesommer kostet mehrere 100 Millionen Franken"

Stimmen zum Klima

Jürn Sanders ist Vorsitzender der FiBL-Geschäftsleitung. Im Gespräch äussert er sich über die Konsequenzen des Hitzesommers für die Landwirtschaft und den Biolandbau. Er fordert einen systemischen Ansatz, um die Produzent*innen bei der Vorbereitung auf die nächsten Dürren und deren Bewältigung besser unterstützen zu können.

Was nimmst du mit aus dem Sommer 2026?

Jürn Sanders: Um ehrlich zu sein, das bedrückende Gefühl, dass sich die wissenschaftlichen Analysen, die wir am FiBL seit vielen Jahren gemacht haben, so sehr bestätigt haben. Wir argumentieren ja seit langer Zeit dahin, dass der Klimawandel eine grosse Herausforderung ist und dass es eine resilientere Landwirtschaft braucht. Was ich auch bemerkenswert fand, ist zu sehen, wieviel das kostet. Es gibt Schätzungen, dass ein Hitzesommer alleine in der Schweiz mit mehreren hundert Millionen Franken zu Buche schlägt. Es geht richtig, richtig ins Geld. Und die politische Diskussion zeigt, wie schwer der Mensch sich tut, etwas an seinen Argumentations- und Denkweisen zu verändern.

Wo siehst du Potenzial, Verhaltensänderungen zu bewirken?

Die Aufgabe der Forschung ist es, zu mehr Sachbezogenheit beizutragen und letztlich darzulegen: Man kann die Natur nicht aushebeln und es ist kostengünstiger, möglichst frühzeitig umzusteuern. Und dazu braucht es einen gesellschaftlichen Dialog. Ein sofortiger radikaler Wechsel ist gesellschaftlich nicht zu managen. Aber wir brauchen Ehrlichkeit. Wenn wir so weitermachen, wird es immer teurer und die Lebensqualität nimmt ab. Es bedrückt mich zu sehen, wie deprimiert die Stimmung in der landwirtschaftlichen Community teilweise ist, wie die Kulturen gelitten haben und beispielsweise die Äpfel zu früh fallen.

Gibt es etwas, das dich in diesem Dürresommer besonders beeindruckt hat?

Der Hügel gegenüber dem FiBL, auf den ich täglich schaue, ist zunehmend gelb-braun geworden. Das habe ich so noch nicht gesehen. Das war wirklich ein tagtäglicher, frustrierender Anblick. Anzumerken ist aber auch folgende Beobachtung: Als es wieder angefangen hat zu regnen, ist der Hang wieder schnell grün geworden. Man kann es schon fast symbolisch sehen: Wir haben ein grosses Problem, aber wir können noch etwas gestalten. 

Das hat auch etwas Tröstliches?

Ja, absolut. Wir dürfen darüber aber nicht vergessen, dass wir ein ernsthaftes Problem haben, die Wissenschaft lag mit ihren Prognosen nicht daneben. Aber Veränderungen sind – das sagt die Wissenschaft auch – noch möglich, wir können den Anstieg der Erderwärmung verlangsamen, wir können ihn sogar stoppen. Wir müssen es nur tun.

Du glaubst also noch an Klimaschutz?

Klimaschutz ist nach wie vor wichtig. Wir müssen es hinkriegen, den CO2-Gehalt in der Atmosphäre zu reduzieren und das können wir auch, wir haben ja auch gute Lösungsinstrumente. Gleichzeitig gibt es aber auch die Notwendigkeit, das Thema Klimaresilienz und -anpassung zu bearbeiten. Das wird jedes Jahr dringlicher, deshalb haben wir in der FiBL-Strategie festgehalten, dass wir Klimaschutz und Klimaresilienz zukünftig gezielt kombiniert angehen wollen.

Wo siehst du denn die grössten Defizite bei der Klimaresilienz in der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft?

Wenn wir von grössten Defiziten sprechen, suggeriert das ein bisschen, dass es zwei, drei Stellschrauben gibt, an denen wir drehen können, damit es besser wird. Aber es ist wichtig, das ganze System stark zu machen. Beispielsweise durch Humusaufbau, Anbau von Zwischenfrüchten, Erweiterung von Fruchtfolgen, effiziente Nutzung von Wasser oder Förderung der Biodiversität. System stärken bedeutet für mich aber auch, Betriebe und ihre wirtschaftliche Robustheit zu stärken. Wir wollen sie befähigen, mit dieser zusätzlichen Unbekannten umzugehen. Klimaresilienz hat viel mit Vielfältigkeit zu tun. Gerade beim Agroforst sehen wir in der Schweiz sehr gute Beispiele, die dies bestätigen. Dabei müssen wir auch die Lieferketten anschauen, in denen Regionalität eine wichtigere Rolle spielen muss. Also nochmal, für die Steigerung der Klimaresilienz müssen wir systemisch vorgehen.

Was sind nun die wichtigsten Handlungsebenen für die FiBL-Forschung und -Beratung?

Wir reden viel über Züchtung und Sortenwahl, das wird sicher zentral bleiben. Die Frage ist aber auch, was wir mit dem Pflanzenschutz und dem Düngemanagement machen? Wie schützen wir Kulturen und Tiere vor der Hitze. Wie können wir Pflanzen und Tiere züchten, die besser mit höheren Temperaturen umgehen können? Am FiBL haben wir uns vorgenommen, dass wir Klimaresilienz als horizontales Thema behandeln wollen. Also da, wo es sich anbietet, auch immer zu fragen, welche Auswirkungen andere klimatische Bedingungen hätten. Das zweite, was für uns sicher auch sehr wichtig sein wird: Unsere Kolleg*innen vom FiBL in Frankreich arbeiten heute im südfranzösischen Eurre schon unter klimatischen Bedingungen, wie sie künftig auch für die Schweiz erwartet werden. Die Erfahrungen der Forscher*innen, aber auch der Landwirt*innen in dieser Region wollen wir für unsere Arbeit noch stärker nutzen.

Wir sehen in diesem Sommer etwa bei der Fütterung auch die Grenzen der eigenständigen Biolandwirtschaft. Braucht es unter diesen verschärften Bedingungen eine Öffnung zur übrigen Landwirtschaft oder siehst du andere Konsequenzen aus den Ereignissen in den letzten Monaten?

Für Bio Suisse (Dachverband der Schweizer Biobäuerinnen und -bauern, Anm. d. Red.) geht es darum, die hohe Glaubwürdigkeit des Knospe-Labels und ihre Anforderungen zu betonen. Für mich ist es nachvollziehbar und richtig, dass der Verband auf die aktuelle Situation reagiert und Zukauf von importiertem und konventionellem Futter vom Grünland vorübergehend zulässt. Gleichzeitig bleibt aber der Anspruch, dass dort wo Bio draufsteht auch Bio drin ist und entsprechend gefüttert wird. Es ist ja durchaus möglich, man muss diese Produktionssysteme aber entsprechend weiterentwickeln. Was dieser Sommer auch zeigt, dass die Kooperation unter den Betrieben an Bedeutung zunimmt, auch weil die Betroffenheit je nach Region sehr unterschiedlich ist. 

Kratzt es nicht an der Glaubwürdigkeit von Bio, wenn Biomilch plötzlich aus konventionellem Futter entsteht, nur weil es heiss war?

Wir haben Prinzipien und Grundsätze, die wir praktisch umsetzen und interpretieren müssen. Ich halte es für notwendig, dass man in einer Ausnahmesituation Flexibilität schafft. Was wir dabei aber auch berücksichtigen müssen, ist die Kettenreaktion: Biolandwirt*innen kaufen konventionelles Futter, konventionelle und biologische Landwirt*innen in der Schweiz kaufen Futter im nahen Ausland. Am Ende der Kette wird es Betriebe geben, die sich das nicht leisten können und ihre Hoftore schliessen müssen. Aber zurück zu Bio: Die Branche in der Schweiz hat sehr intensiv über die Fütterung gesprochen, und die in den letzten Jahren verschärften Richtlinien sollte man nicht grundsätzlich in Frage stellen.

Aber was ist denn, wenn wieder so ein Sommer kommt? Gibt es dann erneut Ausnahmebewilligungen?

Ja, oder wir gehen jetzt in den Dialog mit der Landwirtschaft und fragen: Wie ist es denn möglich, unter neuen klimatischen Bedingungen einen ausreichenden Grünlandertrag zu haben. 

Was bedeutet das für die Arbeit des FiBL?

Die Fruchtfolgen und die Trockenheitstoleranz werden sich verändern, es werden andere Sorten ökonomisch attraktiv sein, als dies heute der Fall ist. Wir müssen die Produktionssysteme jetzt weiterentwickeln. Und es gilt, vorhandene Informationen zu vermitteln, das ist hier besonders wichtig und das machen die FiBL-Fachleute bereits. 

Wird Bio gestärkt aus der Krise hervorgehen oder ständig unter Rechtfertigungsdruck stehen in den nächsten Jahren?

Der Grundgedanke des Biolandbaus ist es ja, eine möglichst hohe systemische Stabilität hinzubekommen und genau das ist heute gefragt. Wenn wir uns die Tiere ansehen, geht es nicht nur darum, dass auf den Betrieben Tiere sind, die sich durch eine besonders hohe Leistung auszeichnen, sondern auch, dass sie robust sind. Und in gleicher Weise auch im Pflanzenbau. Das sind Grundelemente des Biolandbaus. Und deswegen sieht man ja auch, dass viele konventionelle Landwirt*innen ein Interesse an biologischen Praktiken haben. Insofern sehe ich die Attraktivität des Biolandbaus gestärkt.

Interview: Adrian Krebs, FiBL

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