Eva Goldmann ist Agrarexpertin und Projektleiterin Landwirtschaft beim WWF Schweiz. Zuvor war die Agronomin mit Spezialgebiet Agrarökologie beim FiBL als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Dabei befasste sie sich unter andrem mit den Auswirkungen des Klimawandels auf Landwirt*innen in Europa und im globalen Süden.
Was hat dieser Sommer 2026 bei dir ausgelöst?
Eva Goldmann: Mir persönlich machte vor allem die Hitze zu schaffen. Besonders beim ersten Temperaturpeak im Mai. Damals bin extra in die Berge gefahren, doch auch auf über 2000 Höhenmetern war es noch viel zu heiss. Gleichzeitig frage ich mich, ob dieser Sommer auch positive Seiten hat, weil es ein Weckruf ist, weil der oft abstrakte Klimawandel auch in der Schweiz ganz deutlich spürbar wurde.
Dann habt ihr beim WWF den Klimaschutz noch stark im Fokus?
Ja, absolut: Klimaschutz ist seit Jahrzehnten ein Grundpfeiler der WWF-Arbeit und nicht etwas, woran wir mal arbeiten und mal nicht. Und dafür müssen wir die Emissionen so rasch wie möglich reduzieren. Der vergangene Sommer hat gezeigt wie zentral gesunde Böden, genügend Wasser in der Landschaft und widerstandsfähige Ökosysteme sind. Sie sind Voraussetzung dafür, dass die Landwirtschaft auch in Zukunft funktioniert.
Was sind die wichtigsten Handlungsfelder aus eurer Sicht?
Die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle beim Klimaschutz. Gleichzeitig gehört sie zu den Bereichen, die die Folgen des Klimawandels besonders früh und direkt spüren. Beim WWF setzen wir uns dafür ein, gemeinsam Lösungen zu finden. Wir engagieren uns beispielsweise im Schweizer Klimabündnis, das Anreize für Klimaschutzmassnahmen in der Landwirtschaft schafft. Gleichzeitig setzen wir uns dafür ein, dass auch Konsum und Ernährung nachhaltiger werden.
Was heisst das, den Konsum nachhaltig zu gestalten?
Landwirtschaft und Konsum gehören zusammen. Wenn wir es schaffen wollen, dass Betriebe klima- und naturverträglicher wirtschaften, müssen wir auch darüber sprechen, welche Lebensmittel wir nachfragen und welche Anreize wir im Ernährungssystem setzen. Wenn Fleisch im Laden teilweise weniger kostet als eine pflanzliche Alternative, läuft etwas falsch. Solche Preisverhältnisse setzen die falschen Anreize – für Konsument*innen genauso wie für die Landwirtschaft.
Welche Bereiche mit hohem Handlungsbedarf siehst du bei der Klimaanpassung?
Bodengesundheit und Bodenbedeckung sind enorme Faktoren und ein gutes Beispiel, wo Klimaschutz und Klimaanpassung Hand in Hand gehen können. Unbedeckter Boden kann im Sommer heisser werden als Asphalt. Gesunde Böden hingegen helfen Wasser zu speichern, können zum Klimaschutz beitragen und machen Betriebe widerstandsfähiger gegenüber Extremwetter. Dort setzen unsere WWF-Projekte an.
Tierhaltung ist ja im Klimazusammenhang sehr umstritten, welche Haltung habt ihr dazu beim WWF?
Grundsätzlich muss eine standortangepasste Landwirtschaft unser Ziel sein. Entscheidend ist aus unserer Sicht nicht die Frage "Tiere ja oder nein", sondern wie viele Tiere wir halten und wie wir sie ernähren. Doch in diesem Sommer hatten gerade auch standortangepasste Betriebe mit flächengebundener Tierhaltung Mühe, genügend Futter für ihre Tiere bereitzustellen. Das wirft eine wichtige Frage auf: Wie sieht eine standortangepasste Tierhaltung in einem sich verändernden Klima künftig aus?
Die Landwirtschaft ist sehr stark betroffen vom Klimawandel und gleichzeitig aus Sicht von Umweltorganisationen eine der Mitverursacherinnen. Wie positioniert sich da der WWF aktuell?
In einem Sommer wie diesem leidet die Landwirtschaft ausgeprägt. Wir sehen, dass es viele Landwirt*innen gibt in der Schweiz, die sich für Klimaschutz engagieren oder ihren Betrieb fit machen wollen für zukünftiges Klima. Wir müssen aus dieser Opfer-Täter-Diskussion rauskommen und Rahmenbedingungen schaffen, die Landwirtschaft, Klima und Natur gemeinsam stärken.
Wie sucht ihr nach diesen Lösungen?
Beim WWF arbeiten wir auf unterschiedlichen Ebenen. Wir setzen uns für passende politische Rahmenbedingungen ein, arbeiten mit Akteur*innen entlang der Wertschöpfungskette zusammen und unterstützen Projekte vor Ort. Wir sind Teil des grossen Projekts AgroImpact, in dem es darum geht, Massnahmen auf dem Betrieb zu entgelten und mit messbaren Änderungen im Bodenkohlenstoff dann auch nachzuweisen, dass das effektive Änderungen bewirken kann.
Apropos agrarpolitische Bedingungen: Wie seid ihr bezüglich der Klimaelemente zufrieden mit dem Entwurf für die AP30+,die Schweizer Agrarpolitik ab 2030?
Ein wichtiger Schritt ist sicher, dass jetzt die Klimaziele – die schon seit Jahren in der Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung festgelegt sind – auch endlich gesetzlich verankert werden. Allerdings bleibt das Bundesamt für Landwirtschaft eine Antwort schuldig auf die Frage: Wie kommen wir zu einer effektiven Reduktion der Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft? Da besteht dringend Nachholbedarf. Ebenso bei der Ausgestaltung der Unterstützung für Anpassungsmassnahmen. Das darf keine Sammlung von Notfallmassnahmen bleiben wie der Heuimport aus Kanada.
Interview: Adrian Krebs, FiBL