Die Nutzungsdauer von Milchkühen hat Folgen für die Wirtschaftlichkeit von Betrieben, den Ressourceneinsatz, das Klima und das Tierwohl. Das FiBL hat sich daher im fünfjährigen inter- und transdisziplinären Forschungs- und Dialogprojekt "Erhöhung der Nutzungsdauer schweizerischer Milchkühe: Einflussfaktoren, Zukunftsszenarien und Strategieentwicklung" gemeinsam mit Agridea, HAFL und weiteren Partnern der längeren Nutzungsdauer von Milchkühen gewidmet (Publikationen mit den Ergebnissen aus dem Projekt sind unten verlinkt).
Die neue Publikation "Extending the productive lifespan in Swiss dairy herds: impacts on greenhouse gas emissions, land use and gross margin" zeigt mit Hilfe von Modellierungen, unter welchen Bedingungen eine längere Nutzungsdauer von Milchkühen ökologisch und ökonomisch eine positive Wirkung entfaltet.
Szenarien mit unterschiedlicher Nutzungsdauer
Für die Studie entwickelten die Autor*innen sieben Modellbetriebe, welche die Schweizer Milchproduktion näherungsweise repräsentativ abbilden. Grundlage dafür waren schweizweite Durchschnittsdaten und Ergebnisse früherer Studien aus dem Projekt. Die Modellbetriebe unterschieden sich entsprechend hinsichtlich Rasse, Produktionszone und Produktionssystem (biologisch oder ÖLN (ÖLN = ökologischer Leistungsnachweis; in der Schweiz die Voraussetzung für den Erhalt der staatlichen Direktzahlungen)). Anschliessend berechneten die Forschenden für jeden Modellbetrieb Szenarien mit kurzer, mittlerer und langer Nutzungsdauer.
Die Ergebnisse zeigen ein konstantes Bild: Je länger Kühe leben, desto weniger Remontierungstiere werden benötigt. Dieser sogenannte Remontierungseffekt ist der stärkste Hebel, um Emissionen zu reduzieren. Die Treibhausgasemissionen pro Tonne Milch sanken in allen untersuchten Modellbetrieben mit zunehmender Nutzungsdauer – auch dort, wo die Laktationsleistung, also die produzierte Milchmenge, je Kuh in extensiveren Systemen etwas tiefer lag. Trotz der etwas tieferen Laktationsleistung verursachten extensive Systeme insgesamt ähnlich tiefe Emissionen wie intensivere Systeme.
Wirtschaftlichkeit: gesamtbetrieblich lange Nutzungsdauer führend
Den Modellierungen zufolge erzielt eine mittlere Nutzungsdauer in der Regel die höchsten Deckungsbeiträge je Milchkuh. Bei längerer Nutzungsdauer sinkt jedoch der Flächenbedarf für die Aufzucht von Remontierungstieren je nach Rasse und landwirtschaftlicher Zone um 8 bis 24 Prozent der betrieblichen Gesamtfläche. Diese frei werdenden Flächen können ressourceneffizient, ökologisch und ökonomisch sinnvoll genutzt werden. Eine Möglichkeit ist, den produktiven Milchviehbestand zu vergrössern. Alternativ können die Flächen auch gezielt für Ökosystemdienstleistungen wie etwa Buntbrachen im Ackerland oder Extensivierung von Dauergrünland genutzt und durch entsprechende Direktzahlungen ökonomisch erfolgreich bewirtschaftet werden. Gesamtbetrieblich erwiesen sich folglich Herden mit langer Nutzungsdauer als ökonomisch überlegen.
Grösster Hebel: frühe Abgänge vermeiden
Entscheidend bei der längeren Nutzungsdauer von Milchkühen ist nicht, dass einzelne Kühe ein sehr hohes Alter erreichen. Vielmehr sollten möglichst viele Tiere gesund über die zweite Laktation hinaus in der Herde bleiben. Die Milchviehzucht auch weiterhin auf die langfristige Gesundheit auszurichten und die Tiergesundheit im Herdenmanagement unvermindert in den Fokus zu nehmen, bleibt also wichtig. Insbesondere fruchtbare Kühe mit gesundem Euter sollten in den beiden ersten Laktationen nicht aufgrund ihrer eher unterdurchschnittlichen Milchleistung ausgemerzt werden.
Diese Erkenntnis deckt sich mit den Einschätzungen vieler Milchproduzent*innen: Ein Grossteil der auf unterschiedlichen Wegen befragten Betriebsleitenden nennt eine durchschnittliche Nutzungsdauer von rund sechs Laktationen als optimal. Bereits frühere Untersuchungen im Projekt zeigten, dass Kühe mit einer langen Nutzungsdauer nicht mit Höchstleistungen starten. Die Milchleistung steigt in der Regel bis etwa zur fünften Laktation an. Eine längere Nutzungsdauer ermöglicht es deshalb, das natürlich angelegte Leistungssteigerungspotenzial der Tiere besser auszuschöpfen.
Weitere Informationen
Kontakt
Link
Publikation: Pfeifer, C., Lozano-Jaramillo, M., Leiber, F. & Walkenhorst, M. (2026): Extending the productive lifespan in Swiss dairy herds: impacts on greenhouse gas emissions, land use and gross margin. Journal of Dairy Science, Vol. 109, 7186–7203. https://doi.org/10.3168/jds.2025-27896
Weiterführende Publikationen
- Bieber, A., Hediger, F., Leiber, F., Pfeifer, C., Walkenhorst, M. (2026). Effects of productive lifespan on phenotypic lifetime daily milk yield in dairy cows: conclusions from 20-year herdbook data analysis. Animal, Vol. 20, 101842, https://doi.org/10.1016/j.animal.2026.101842
- Gazzarin C., Schmid D., Bieber A. (2025). Economic drivers of the optimal productive lifespan of dairy cows in two different Swiss milk production systems. Journal of Dairy Science Vol. 108, 12352-12372. https://doi.org/10.3168/jds.2024-26086
- Bieber, A., Lozano-Jaramillo, M., Walkenhorst, M., Eppenstein, R.C. (2024). Comparison of fertility traits, health traits and health-related management routines of Swiss dairy farms with long vs. short productive lifespan profiles. Journal of Dairy Research., Vol. 91, 403-409. https://doi.org/10.1017/S0022029925000032
- Bieber, A., Hediger, F., Pfeifer, C., Schnyder, U., Leiber, F., Walkenhorst, M. (2026). Effects of production, fertility, health, management and conformation scores on longevity in six Swiss dairy breeds. Veterinary and Animal Science, 33, 100701, doi.org/10.1016/j.vas.2026.100701
- Rödiger, M., Home, R. (2023). Systemic enablers and barriers to extending the productive life of dairy cows in Switzerland. Journal of Rural Studies 100, 103031, https://doi.org/10.1016/j.jrurstud.2023.103031
