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"Landwirt*innen brauchen Informationen, die wirklich praktikabel sind"

Stimmen zum Klima

Lauren Dietemann ist seit fünf Jahren im Bereich Wissensaustausch am FiBL tätig. Sie ist für die Inhalte auf der Plattform "Organic Farm Knowledge" verantwortlich und koordiniert den europaweiten Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis. Zuvor hat sie an der Universität Hohenheim in Stuttgart (Deutschland) und an der BOKU in Wien (Österreich) "Organic agricultural food systems" studiert. Vor kurzem hat sie gemeinsam mit ihrem Partner einen Milchviehbetrieb in St. Gallen in der Schweiz übernommen. Im Rahmen des Projekts OrganicClimateNET ist sie für den Aufbau einer Wissensdatenbank zu "Carbon Farming" verantwortlich.

Im Projekt OrganicClimateNET haben sich knapp 20 europäische Forschungsinstitute und Bioanbauverbände zusammengeschlossen. Mit welchen Zielen?

Wir bauen ein Netzwerk aus 250 Biobetrieben in 12 EU-Ländern auf, um den Klimaschutz und «Carbon Farming» im Biosektor voranzutreiben. Das Hauptziel besteht darin, Landwirt*innen bei der Berechnung ihres CO₂-Fussabdrucks zu unterstützen und bei der Entwicklung praktikabler Klimastrategien, die für ihren Betrieb und ihre Region geeignet sind. Das Projekt untersucht, wie "Carbon Farming" zu einem tragfähigen Betriebsmodell für Biohöfe werden kann und erarbeitet politische Empfehlungen, um sicherzustellen, dass die Klimapolitik den Sektor unterstützt, anstatt ihn zu benachteiligen. Und ich bin für den Aufbau einer umfassenden Wissensdatenbank zum Thema "Carbon Farming" mit über 120 Informationsmaterialien wie Faktenblättern, Videos oder Podcasts verantwortlich.

Wie wird das konkret angegangen?

Die 250 Betriebe sind in 24 regionale sogenannte "Hubs" gegliedert, die jeweils aus einem Leuchtturm-Betrieb und 10 bis 12 weiteren Betriebe bestehen. Hub Coaches fördern das gegenseitige Lernen untereinander (peer-to-peer-learning) und unterstützen die Landwirt*innen bei CO₂-Bilanzierungen und der Entwicklung von Klimastrategien. Bei der Arbeit an der Wissensdatenbank bewerten wir vorhandene Informationsmaterialien, passen sie an den Kontext Biolandbau an, erstellen bei Bedarf neue Inhalte und übersetzen alles in verschiedene europäische Sprachen. Diese Materialien speisen eine Toolbox, die bei der Entscheidungsfindung unterstützen soll. Sie ist Teil der Plattform "Organic Farm Knowledge", einer 2016 gegründeten Online-Plattform für Wissensverbreitung und -austausch.

Und wie arbeiten die beteiligten Organisationen dabei zusammen?

An dem Projekt sind 18 Partner aus 14 Ländern beteiligt – darunter Forschungsinstitute, Biolandbauverbände wie Bioland und Ecovalia sowie politische Organisationen wie IFOAM Organics Europe. Wir arbeiten in sechs sich ergänzenden Work Packages in den Bereichen landwirtschaftliche Netzwerke, Evaluierung, Wissensentwicklung, Politik, Kommunikation und Koordination. In jedem Land gibt es einen nationalen Koordinator, der die beiden dortigen Hubs leitet. So entsteht ein horizontaler Wissensaustausch zwischen den Landwirt*innen wie auch ein vertikaler Informationsfluss von den landwirtschaftlichen Betrieben zur politischen Ebene und zurück.

Was ist die Rolle des FiBL?

Das FiBL koordiniert das Gesamtprojekt und wir bringen unser Know-how in die Wissensdatenbank ein, wie bereits erwähnt, sowie in den Politikbereich. Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit ist es sicherzustellen, dass die von uns bereitgestellten Infomaterialien wirklich auf die Bedürfnisse von Landwirt*innen zugeschnitten und praxisnah sind. 

Wir sammeln Materialien aus ganz Europa und greifen auf das praktische Fachwissen der am Projekt beteiligten biologischen Forschungsinstitute und Landwirtschaftsverbände zurück. Gleichzeitig schaffen wir auch neues Wissen, um Wissenslücken zu schliessen, auf die wir gestossen sind. Wir lernen von den Betrieben im Netzwerk, die Strategien testen und Erfahrungen austauschen und auch aus dem länderübergreifenden Austausch.

Du hast Wissenslücken angesprochen – kannst du das ein bisschen näher erläutern?

Wir haben von den Hub Coaches Rückmeldungen dazu bekommen, woran die Landwirt*innen interessiert sind in Hinblick auf Anbaumethoden und haben dann die dazu bereits verfügbaren Infomaterialien zusammengestellt. Zu den wichtigsten Wissenslücken, die wir gefunden haben, gehören das Anpflanzen und Pflegen von Hecken, Präzisionslandwirtschaft, der Einsatz widerstandsfähiger Pflanzensorten und die Extensivierung von Mooren, um nur einige zu nennen.

Du hast kürzlich gemeinsam mit deinem Partner einen Milchviehbetrieb übernommen. Wie wirkt sich das auf deine Arbeit im Bereich des Wissensaustauschs aus?

Dadurch habe ich ein tieferes Verständnis für die Diskrepanz zwischen den Erkenntnissen aus der Forschung und der Realität auf dem landwirtschaftlichen Betrieb gewonnen. Wenn du am Schreibtisch über Methoden der Kohlenstoffbindung liest, klingt das alles recht einfach. Aber wenn du tatsächlich Tiere versorgst, mit Wetterschwankungen kämpfst, mit Arbeitskräftemangel umgehen und wirtschaftliche Aspekte im Blick behalten musst – dann verstehst du plötzlich, warum Landwirt*innen Infomaterialien brauchen, die wirklich praktikabel sind und nicht nur fachlich korrekt. Es hilft mir auch, die wichtige Rolle der nationalen Koordinator*innen und Hub Coaches als Berater*innen im Projekt zu verstehen – sie sind unverzichtbar.

Ihr habt mit dem Projekt 2024 gestartet. Was konnte bisher schon erreicht werden? Und was sind Herausforderungen?

Wir sind nun im zweiten Jahr. Alle 24 Hubs laufen, die Vorzeigebetriebe sind festgelegt und die CO₂-Bilanzen werden derzeit erstellt. Wir haben fast 80 bereits vorhandene Infomaterialien aus ganz Europa zusammengetragen, diese öffentlich zugänglich gemacht und sind derzeit dabei, sie in die relevanten Sprachen zu übersetzen.

Die Herausforderungen sind sowohl praktischer als auch konzeptioneller Natur. Die Koordination von 250 Betrieben in 12 Ländern erfordert den Umgang mit unterschiedlichen Sprachen und verschiedenen landwirtschaftlichen Traditionen. Zudem sind Tools für die Kohlenstoffberechnung und Bonussysteme in der Regel für die konventionelle Landwirtschaft konzipiert und berücksichtigen nicht den systemischen Ansatz des Biolandbaus. Die letzte Herausforderung, die ich erwähnen möchte, ist, dass wir keinen Tunnelblick auf den Kohlenstoff entwickeln – das Projekt ist klimafokussiert, aber wir müssen die kompletten Landwirtschaftssysteme betrachten, nicht nur Kohlenstoffkennzahlen.

Doch genau diese Herausforderungen sind der Grund, warum das Projekt notwendig ist.

Interview: Theresa Rebholz

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Lauren Dietemann

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