Diese Website unterstützt Internet Explorer 11 nicht mehr. Bitte nutzen Sie zur besseren Ansicht und Bedienbarkeit einen aktuelleren Browser wie z.B. Firefox, Chrome

"Wiederkäuer tragen wesentlich zur Resilienz der Lebensmittelproduktion bei"

Stimmen zum Klima

Florian Leiber ist Agrarwissenschaftler und forscht seit 25 Jahren an graslandbasierten Produktionssystemen und nachhaltigen Futterressourcen. Seit 2012 arbeitet er am FiBL und leitet dort die Gruppe Tierernährung. Er ist Mitautor des Faktenblatts "Kuh und Klima", das das FiBL Ende 2025 zusammen mit Bio Suisse, dem Dachverband der Schweizer Biobäuerinnen und -bauern, herausgegeben hat.

Kühe und andere Wiederkäuer stehen in der Kritik, dem Klima zu schaden, weil sie Methan ausstossen. Warum kommt es überhaupt dazu?

Zur Methanbildung kommt es immer dann, wenn Pflanzenfasern unter Ausschluss von Sauerstoff abgebaut werden. Das geschieht auch im Pansen der Kühe und ist ein Prozess, der chemischen und biologischen Gesetzmässigkeiten folgt. Zur Kritik an den Kühen kommt es, weil uns allen der Erhalt unseres Klimas am Herzen liegt und wir deshalb mit scharfem Blick auf alles schauen, was zur Klimaerwärmung beiträgt. Vermeintlich gehört dazu das Methan aus Rindermägen.

Warum vermeintlich?

Methan ist ein starkes Klimagas, das aber nur eine sehr kurze Verweildauer in der Atmosphäre hat. Deshalb wirkt das Methan, das in den Mägen der Wiederkäuer entsteht, nicht kumulativ: es reichert sich im Gegensatz zum CO2 aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe nicht in der Atmosphäre an. In den 30 Millionen Jahren der Evolution der Wiederkäuer hat ihr Rülpsen dem Klima nicht gravierend geschadet. Erst im Rahmen der Industrialisierung schwimmt das Rindermethan wie Rahm auf dem riesigen CO2-See, und wir diskutieren um die Frage, ob man es besonders leicht abschöpfen könnte. Der Spiegel des Sees speist sich jedoch vor allem aus der fossilen Verbrennung und ihren Folgen und steigt unabhängig vom Wiederkäuermethan weiter an, wenn wir diese Emissionen nicht reduzieren.

Es gibt trotzdem Stimmen, die fordern, die Rinderhaltung aus Klimaschutzgründen abzuschaffen. Was sagst du dazu?

Wenn wir alle Rinder der Erde abschaffen würden, hätten wir einen Effekt von drei bis fünf Prozent auf unsere Emissionen – das ist der Anteil des Wiederkäuermethans an den anthropogenen Treibhausgasen. Und der würde aufgrund der erwähnten kurzen Halbwertszeit des Methans nur etwa 20 Jahre andauern. Danach wäre er verpufft und wir hätten wahrscheinlich immer noch Verbrennermotoren, aber keine Wiederkäuer mehr. Einen grösseren Beweis für menschheitliche Kurzsichtigkeit könnten wir wohl kaum erbringen. Natürlich halten wir heute weltweit extrem viele Rinder und müssen deren Zahl reduzieren. Aber beim Ausschütten des Bades sollte man bekanntlich auf das Kind aufpassen.

Durch die Wiederkäuerhaltung profitieren wir Menschen von Milch, Milchprodukten und Fleisch, das ist offensichtlich. Die Tiere bringen aber noch viele weitere "Leistungen" – welche? Können sie sogar einen Beitrag für den Klimaschutz leisten?

Wiederkäuer ermöglichen uns, den grössten Teil der weltweiten Agrarflächen – das Grasland – zur Lebensmittelproduktion zu nutzen. Damit tragen sie wesentlich zur Resilienz unserer Lebensmittelproduktion bei und leisten so einen riesigen Beitrag zur Klimaresilienz der Menschheit.

Wie sieht aus deiner Warte eine zukunftsfähige, klimafreundliche Wiederkäuerhaltung aus?

Sie ist ganz klar graslandbasiert, was die Anzahl der Tiere auf natürliche Weise beschränkt und impliziert, dass fast keine Ackerflächen für Kraftfutter mehr eingesetzt werden. Und sie umfasst, dass die globalen Graslandressourcen produktiv und erhaltend in die Welternährung mit einbezogen werden. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es noch sehr viel Luft nach oben, was die produktive Flächennutzung und das nachhaltige Management betrifft, insbesondere wenn man es global anschaut. Die Klimafreundlichkeit der Wiederkäuersysteme liegt nicht in der Methanreduktion, sondern im langfristigen Erhalt der Graslandressourcen für zukünftige Generationen – und das geht nur durch sorgfältige Nutzung.

Interview: Theresa Rebholz, FiBL

Weitere Informationen

Kontakt

Florian Leiber

Links

Vertiefende Informationen zum Thema gibt es im Faktenblatt "Kuh und Klima" und im Podcast "Kuh und Klima: Kritik, Fakten und Potenzial" mit Florian Leiber und Catherine Pfeifer vom Department für Agrar- und Ernährungssysteme am FiBL.