Frankfurt, 15. Juli 2026 Der Biosektor steht vor einer zentralen Herausforderung: Weil der Biomarkt schneller gewachsen ist als die ökologische Saat- und Pflanzgutproduktion, wird im Ökolandbau häufig noch konventionelles Pflanzenvermehrungsmaterial (PVM) eingesetzt. Ab 2037 ist dies nach der EU-Öko-Verordnung nicht mehr zulässig. "Wir stehen an einem Scheideweg, wenn es um die Grundlagen unserer Ernährung geht", betonte Thomas Lang, Vorstand Landwirtschaft beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) auf der FiBL-Saatgutkonferenz am 7. und 8. Juli in Fulda.
Um den Bedarf bis 2037 zu decken, müsste die Produktion von ökologischem PVM um 500 bis 600 Prozent steigen. Besonders im Gemüse, Wein- und Obstbau bestehen jedoch noch große Lücken. Vertreter*innen von Saatgutunternehmen zeigten sich jedoch zuversichtlich, dass sich viele Lücken schließen lassen. "Dazu braucht es das Engagement der gesamten Wertschöpfungskette", sagte Dr. Freya Schäfer vom FiBL in Deutschland.
Handlungsdruck durch neue gentechnische Verfahren
Zusätzlichen Handlungsdruck erzeugt die Deregulierung neuer gentechnischer Verfahren (NGT). "Das Versprechen des Biosektors, auch weiterhin ohne Gentechnik zu arbeiten, lässt sich am konsequentesten durch die Verwendung von Biosaat- und Pflanzgut absichern – denn hier bleibt Gentechnik auch in Zukunft tabu", erklärte Carolin Pagel, Teamleitung Politik bei Bioland.
Konferenzimpulse aus Landwirtschaft, Handel und Verarbeitung zeigten, dass erste Unternehmen bereits Informationen zur Herkunft des PVMs in ihren Lieferketten erfragen. "Die Deregulierung der neuen Gentechnik und diese Konferenz schaffen das Momentum, gemeinsam mit unseren Partnerschaften aus der Herstellung konkrete Fahrpläne zu entwickeln", sagte Christian Kluge, Bereichsverantwortlicher Ernährung bei der Drogeriemarktkette dm.
Transparenz schaffen, Verantwortung übernehmen
Ein weiterer Schwerpunkt des Konferenzprogramms war die Transparenz entlang der Lieferketten. Damit Informationen zu PVM nicht gleich zu Beginn der Lieferkette verloren gehen, müssen Verantwortlichkeiten und Datenflüsse zwischen Lieferanten, Verarbeitung und Handel definiert werden. Diskutiert wurde außerdem, wie das Thema gegenüber Verbraucher*innen kommuniziert werden kann. Offen bleibt die Frage der Finanzierung. Da die ökologische Pflanzenvermehrung mit höheren Risiken und Kosten verbunden ist, sind faire Lösungen entlang der Wertschöpfungskette erforderlich. "Hier müssen Handel, Verarbeitende und Verbände gemeinsame Lösungen finden", forderte Steffen Reese, Co-Geschäftsführer vom FiBL in Brüssel.
Die Konferenz endete mit einem klaren Arbeitsauftrag: Die Branche muss verbindliche Nachfrage schaffen, Transparenz in den Lieferketten herstellen, Verantwortlichkeiten klären und Lösungen für die Finanzierung der Transformation entwickeln. "Die Konferenz war ein Anfang, kein Abschluss", resümierte Dr. Freya Schäfer. "Jetzt gilt es, die Erkenntnisse in die Praxis zu übersetzen."
Die Veranstaltung fand im Rahmen des RoadmapsOekoPVM-Projekts statt und wurde vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und der Bioland Praxisforschung GmbH organisiert. Das Projekt zielt darauf ab, die Versorgung mit ökologisch erzeugtem Saat- und Pflanzgut bis 2036 zu verbessern und wird gefördert durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau.
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Partner
Bioland Praxisforschungs GmbH
Links
- fibl.org: Das Projekt "RoadmapsOekoPVM" in der FiBL-Projektdatenbank
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