Edna J. Molina Bacca arbeitet seit 2019 am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Sie hat an der National University of Colombia und an der University of Calgary (Kanada) Chemical Engineering studiert und an der Humboldt Universität in Berlin im Bereich Agrarwissenschaften promoviert.
Du arbeitest zur Anpassungsfähigkeit der Landwirtschaft im Zusammenhang mit sozioökonomischer Entwicklung und Klimawandel. Warum ist der Klimawandel deiner Einschätzung nach ein so entscheidendes Thema für die Landwirtschaft?
Im Unterschied zu anderen Sektoren bewegt sich die Landwirtschaft in einer doppelten Realität: Das Ernährungssystem ist für ein Viertel bis ein Drittel der weltweiten Emissionen verantwortlich, gleichzeitig ist es jedoch sehr betroffen durch den Klimawandel. Obwohl sich die Landwirtschaft ständig anpasst, könnten durch den Klimawandel in einem noch die dagewesenen Tempo Veränderungen erzwungen werden – durch intensivere Niederschlagsmuster, sich verschiebende Jahreszeiten oder Extremwetterereignisse. Die Landwirtschaft ist das wirtschaftliche Rückgrat ländlicher Gebiete, insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Wenn sich vorhersehbare Umweltbedingungen bei begrenzter Anpassungsfähigkeit abrupt ändern, bedrohen die Konsequenzen nicht nur die Erträge, sondern auch die Lebensgrundlagen der am meisten benachteiligten Bevölkerungsgruppen.
In deiner Forschung verwendest du Modelle, um zukünftige Landnutzungs- und Klimaszenarien zu analysieren. Welche Entwicklungen bereiten dir derzeit die grössten Sorgen, insbesondere im Hinblick auf die Ernährungssysteme?
Aus Modellierungsperspektive beschäftigen mich vor allem drei Aspekte, die miteinander zusammenhängen. Erstens die langfristigen, sich gegenseitig verstärkenden Auswirkungen komplexer Klimaschocks, wie beispielsweise gleichzeitige Hitzewellen und Dürren während der Vegetationsperiode, und unsere derzeitigen Grenzen bei der genauen Erfassung dieser komplexen Zusammenhänge. Dies führt direkt zu meiner zweiten Sorge: die wachsende langfristige Unsicherheit. Mit steigenden Emissionen nimmt auch die Unsicherheit hinsichtlich der Auswirkungen und Reaktionen zu. Das heisst, dass wir darauf vorbereitet sein müssen, uns einem breiteren Spektrum potenzieller Zukunftsszenarien anzupassen, falls die Emissionen nicht gesenkt werden. Schliesslich könnte sich der lokale und globale Wettbewerb um Land durch landbasierte Klimaschutzstrategien verschärfen. Daher bin ich der Ansicht, dass Anpassung, Anpassungsfähigkeit und nachhaltige Ressourcenbewirtschaftung stärker in integrierte Bewertungsmodelle für zukünftige Szenarioanalysen einbezogen werden müssen – insbesondere im Zusammenhang mit Klimaschutzmassnahmen, um so potenzielle Zielkonflikte besser einschätzen zu können.
Warum befasst du dich hauptsächlich mit der Klimaanpassung?
Kurz nachdem ich beim PIK angefangen hatte, fiel mir auf, dass das Thema Klimaanpassung in der globalen Forschungsgemeinschaft weitaus weniger Beachtung fand als der Klimaschutz. Weil dieser nur schleppend vorangeht, die Landwirt*innen aber die Folgen der Erwärmung bereits am eigenen Leib spüren, erschien es mir dringend notwendig, zur Anpassungsfähigkeit zu forschen.
Das PIK ist für seinen interdisziplinären Ansatz und die Entwicklung von Transformationspfaden bekannt. Wo siehst du derzeit die vielversprechendsten Lösungen, um die Landwirtschaft widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel zu machen?
Resilienz erfordert einen tiefgreifenden systemischen Ansatz. Vielversprechende Lösungen umfassen mehrere Handlungsfelder: Kapazitätsaufbau durch ländliche Infrastruktur, Bildung, Weiterbildung und Technologie; die Stärkung nationaler und lokaler Governance-Strukturen, die gemeinschaftsbasierte Ressourcenbewirtschaftung und Entscheidungsprozesse unterstützen; den Schutz natürlicher Ressourcen; den Zugang zu Finanzierungs-möglichkeiten, die auf Landwirt*innen zugeschnitten sind. Zudem können eine Optimierung des globalen Handels und der Lagerhaltung dazu beitragen, unerwartete regionale Krisen abzufedern. Und wir dürfen die Nachfrageseite nicht ausser Acht lassen: Eine Umstellung auf eine gesündere und umweltbewusstere Ernährung – wie sie beispielsweise in den Empfehlungen der EAT-Lancet Commission vorgeschlagen wird – ist entscheidend, um den Druck auf die Umwelt zu verringern und gesunde Ökosysteme zu fördern.
Viel von deiner Forschungsarbeit liefert wichtige Grundlagen für Politik und Praxis. Was fehlt deiner Meinung nach noch, damit diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Landwirtschaft umfassender und schneller umgesetzt werden?
Dies hängt eng mit der vorherigen Frage zusammen. Wir wissen zwar, was ein widerstandsfähiges System in allen Dimensionen braucht, doch ein entscheidendes Hindernis sind unterschiedliche Zeitskalen. Politiker*innen agieren in kurzfristigen Wahlzyklen, während globale Bewertungen den Fokus auf die Zeit zwischen Mitte und Ende des Jahrhunderts richten und Praktiker*innen sich im Zeitraum dazwischen bewegen müssen. Folglich hat das Dringende stets Priorität vor dem Wichtigen. Für eine breitere Umsetzung braucht es aus meiner Sicht die Überbrückung dieser Kluft durch die gemeinsame Weiterentwicklung von Wissenschaft, Politik und Praxis durch die wichtigsten Akteur*innen sowie robuste institutionelle und finanzielle Rahmenbedingungen, die diese kooperativen Massnahmen unterstützen.
Interview: Lin Bautze-Boeke, FiBL