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Tierethik-Tagung 2022: für einen fairen Umgang mit "Hoftieren"

Tagungsteilnehmer*innen

Intensiv diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Kleingruppen essentielle Fragen der Tierethik. (Foto: FiBL, Simona Moosmann)

Schweine liegen auf Einstreu

Beim Tierwohl geht es nicht nur um Leistung und Gesundheit, sondern auch um das emotionale Wohlbefinden der Tiere. (Foto: FiBL, Mirjam Holinger)

Intensiv haben die Teilnehmenden der Tierethik-Tagung Anfang April grundsätzliche ethische Fragen rund um Haltung und Schlachtung von landwirtschaftlichen Tieren diskutiert. Zum Beispiel, welche Verantwortung die Domestizierung von Tieren heute mit sich bringt und ob das Töten von Tieren mit den moralischen Vorstellungen unserer Gesellschaft vereinbar ist. Die Tagung wurde gemeinsam durch das FiBL Schweiz und die Uni Basel veranstaltet.

Philosophie und Tierhaltung zusammenbringen und die landwirtschaftliche Praxis aktiv an der Diskussion beteiligen, so formulierte Anet Spengler, Co-Leiterin der Gruppe Tierhaltung & Tierzucht am FiBL, die Zielsetzung der Tagung. Der Bedarf für eine solche Diskussion war offensichtlich gross: Insbesondere am Nachmittag, als es um das Töten und Schlachten ging, wurden sehr persönliche Erfahrungen geteilt. Der Kreis der Teilnehmenden war dabei mit 16 Personen klein, die Auseinandersetzung mit dem Thema aber umso intensiver.

Nutztiere: nützen oder ausnutzen?

Florian Leiber, Leiter des Departments für Nutztierwissenschaften am FiBL, unterschied zwischen dem Wildtier, dem Kulturtier und dem Nutztier. Das Nutztier aus einer intensiven Landwirtschaft sei dem Zweck der Züchtung inzwischen in extremer Weise untergeordnet. Das Kulturtier wurde über lange Zeiträume domestiziert, sei aber nicht ausschliesslich produktiv. Leiber stellte die Frage, wie wir wieder zu einem fairen Umgang mit unseren Tieren kommen könnten und ob wir wieder mehr gesunde Kulturtiere statt überzüchteter Nutztiere bräuchten.  

Mechthild Knösel, Landwirtin auf dem Hofgut Rengoldshausen in Überlingen, Deutschland, wies auf die vielen Separierungs-Prozesse in der Tierhaltung hin, die ebenfalls eine immer höhere Produktivität zum Ziel haben. So beispielsweise die Trennung der männlichen von den weiblichen Tieren und der Jungtiere von den Müttern. Auf ihrem Betrieb versucht Knösel wieder Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen ihre Rinder ein natürliches Herden- und Sozialverhalten zeigen können.

Die Teilnehmenden trieb der Begriff des Nutztiers um. Sie hinterfragten, ob mit dem Begriff die Ausbeutung der Tiere programmiert wäre. Eine positive Lesart wäre, dass wir aus der Tierhaltung einen Nutzen ziehen können. Als Alternative zum Nutztier wurde der Begriff Hoftier genannt. Alle waren sich einig, dass die Gesellschaft wieder mehr Kontakt zu ihren «Hoftieren» bräuchte.

Was ist Tierwohl wirklich?

Mirjam Holinger, Co-Leiterin der Gruppe Tierhaltung & Tierzucht am FiBL erklärte, dass der Begriff Tierwohl früher mit Gesundheit und Leistung gleichgesetzt wurde, aber heute viel breiter gefasst ist und auch das natürliche Verhalten und emotionale Wohlbefinden miteinschliesst.

Florian Leiber wies auf die unterschiedlichen Freiheitsgrade hin, die wir den Hoftieren je nach Haltungsform zugestehen. Viele Freiheitsgrade bedeuten Platz und Wahlmöglichkeiten für die Tiere, führten Leiber und Holinger aus. Das bringe ein höheres Tierwohl mit sich aber auch weniger Fleisch, Eier und Milch auf derselben Fläche.

In der Gruppendiskussion wurde deutlich: Wir Menschen sind durch die Domestizierung verantwortlich für die «Hoftiere» geworden. Aktuell wird die Gesellschaft dieser Verantwortung häufig nicht gerecht. Für mehr Tierwohl müsste aufgrund des höheren Flächenbedarfs auch der Konsum tierischer Produkte weniger werden.

Was bedeutet das Töten der "Hoftiere" für uns?

Angela Martin beschäftigt sich als Philosophin an der Universität Basel mit der Frage, wie die Mensch-Tier-Beziehung ausgestaltet werden sollte. Zählen die Tiere gar nicht, weniger oder gleich viel wie der Mensch? Und welche Konsequenzen müssen wie ziehen, je nachdem wie wir diese Frage beantworten? Martin gab einen Überblick über die verschiedenen Auslegungen: Es gibt philosophische Argumente für alle drei Optionen.  

Sarah Heiligtag, Philosophin und Inhaberin von einem Lebenshof hat sich dafür entschieden, keine Tiere zu töten und nahm sich einen Realitätscheck für ihre Ansichten vor. Daraus entstand der schlachtfreie landwirtschaftliche Betrieb Hof Narr im Kanton Zürich. Seither haben sich das 87 Landwirtinnen und Landwirte zum Vorbild genommen und sind aus ethischen Gründen aus der Tierhaltung ausgestiegen, erzählte Heiligtag.  

Anet Spengler vertrat eine andere Ansicht: Ihrer Meinung nach haben wir sowohl eine Verantwortung für die Haltung als auch für das Ende des Hoftier-Lebens. Es gehe um das "Wie" und darum, den Stress bei der Schlachtung zu reduzieren. Diese Ansicht teilt auch Cäsar Bürgi, Landwirt aus dem Kanton Solothurn. Ihm ist es wichtig, den Bolzenschuss für seine Tiere selbst zu setzen. Gerade bei ihrem letzten Weg seien wir den Tieren, denen wir viel verdanken, den direkten Mensch-Tier-Kontakt schuldig, ist Bürgi überzeugt. Seit 2018 darf Bürgi auf seinem Betrieb Silberdistel die Hoftötung als Alternative zum Schlachthaus praktizieren.  

Auch wenn die Hoftötung nachweislich den geringsten Stress verursacht, werden nach wie vor sehr viele Tiere auf Schlachthöfen getötet. Daher müsse auch hier nach Lösungen geforscht werden, so Spengler.

Grundlegende Fragen, verschiedene Antworten und Visionen

Die Tagung war von unterschiedlichen Ansichten zu essentiellen Fragen geprägt. Das Fazit eines Teilnehmers fiel entsprechend aus: Aus der Tagung gehe niemand mit dem Gefühl zu wissen, was richtig und was falsch sei, aber mit dem Gefühl, der Beantwortung grundlegender Fragen im eigenen Betrieb ein Stück näher gekommen zu sein.

Viele Landwirtinnen und Landwirte stellen sich früher oder später ähnliche Fragen rund um die Haltung und das Töten ihrer Tiere, auch wenn diese Prozesse nach Aussen meistens nicht sichtbar werden. Die Tagungsgruppe hält daher eine Plattform für eine Diskussion um die Tierethik für erforderlich. Es dürfe nicht um Vorwürfe an die Tierhaltenden gehen, sondern um Visionen zum Umgang mit den eigenen "Hoftieren" und um Möglichkeiten diese zu realisieren. Das wollen die Organisatorinnen und Organisatoren aufgreifen.

Autorin: Simona Moosmann, FiBL

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Diese Meldung wurde am 22.4.2022 bereits auf bioaktuell.ch veröffentlicht.