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"Ökologie und Selbstbestimmung" – Das FiBL und die Ökobewegung

FiBL-Mitarbeiter Thomas Alföldi hat mit der Historikerin Ursina Eichenberger ein Interview über die Anfänge des FiBL geführt.

Ursina Eichenberger

Die 28-Jährige Ursina Eichenberger ist Mitbegründerin der regionalen Gartenkooperative ortoloco. Ihre Eltern Max und Rosmarie Eichenberger arbeiteten zwischen 1978 und 1985 am FiBL.

(27.06.2013) 

Die Historikerin Ursina Eichenberger hat in ihrer Masterarbeit die Entstehung des FiBL im Kontext der ökologischen Bewegung der 1970er-Jahre untersucht.
Bisher galt das Augenmerk der Historiker vor allem den Protestbewegungen, insbesondere der Anti-AKW-Bewegung. Die ökologische Bewegung beschäftigte sich jedoch auch intensiv mit „Alternativen“, also mit positiv formulierten Denkanstössen, wie beispielsweise der biologischen Landwirtschaft. Ihre Themen – eine angepasste Technik, eine lokale, selbstbestimmte Versorgung und eine gerechtere Verteilung – wirken erstaunlich aktuell. Denn bereits damals hiess es, dass es nicht genüge auf individuellen Verzicht zu setzen oder „umweltfreundliche“ Autos zu propagieren. Es müsse ein radikales Umdenken stattfinden. Oder wie es Michael Rist, Gründungsmitglied der FiBL-Stiftung formulierte: „Wir kranken heute doch an der neuen Wirtschaftsunordnung, am Neoliberalismus. Wenn wir die Probleme wirklich auf die Hörner nehmen wollen, müssen wir eine neue Wirtschaftsweise aufbauen. Dafür ist der biologische Landbau eine ideale Keimzelle.“

Welches war deine Motivation, das FiBL als Fallbeispiel zu untersuchen? Worauf wolltest du Antworten finden?

Ursina Eichenberger: Ausgangspunkt meiner Arbeit war die Entwicklung der ökologischen Bewegung seit den 1970er-Jahren. Eine wichtige Quelle war die Ausstellung „umdenken – umschwenken“, die 1975 an der ETH Zürich gezeigt wurde. Die Beiträge stammten von verschiedenen Gruppierungen aus der ganzen Schweiz unter anderem vom neu gegründeten FiBL! Die Ausstellungsthemen waren sehr vielfältig: vom Kernthema Energie über Ernährung, Hausbau, Recycling bis zu selbstverwalteten Betrieben und Gemeinschaften. In meiner Arbeit habe ich einen dieser Aspekte, nämlich die alternative Landwirtschaft, herausgegriffen und weiterverfolgt, inwiefern die Ideen von damals umgesetzt werden konnten. Wie kommt es, dass wir heute, 40 Jahre später (wieder) die gleichen Ansätze vertreten? Die konkrete Fragestellung erarbeitete ich in Anlehnung an Thesen von André Gorz, der bereits 1977 eine Spaltung der ökologischen Bewegung in einen radikal-demokratischen und einen technokratischen Flügel aufzeigte. Mich interessierte, ob die Biobewegung bis heute ihren Charakter als politisch-kulturelle Bewegung erhalten konnte oder ob sie eher technokratischen Lösungen den Weg ebnete.

Inwiefern konnten die Biobewegung und das FiBL ihren Charakter als politisch-kulturelle Bewegung erhalten?

Ursina Eichenberger: Die politisch-kulturelle Bewegung war als Hintergrund vieler Mitarbeiter für das Institut bis in die 1980er-Jahre richtungweisend. Der Schwerpunkt der Forschungstätigkeit lag jedoch bei Problembereichen, die anbautechnisch gelöst werden konnten wie die Nitratauswaschung oder Landschaftsverarmung. Gesellschaftspolitische Ansätze wie eine regionale Lebensmittelversorgung wurden hingegen nicht weiterentwickelt. Um 1980 basierte der Vertrieb der Produkte noch weitgehend auf dem direkten Kontakt zwischen Produzenten und Konsumenten. Inzwischen dominieren konventionelle Vermarktungswege, was die Ausrichtung der Forschung stark beeinflusste.

Beim Wandel des biologischen Landbaus von einer alternativen Wirtschaftsform zum Wachstumsmarkt verlor die Biobewegung ihre Radikalität – nicht im Sinne von extremistisch, sondern im Sinn von „an der Wurzel angehen“. Die ökonomischen Umstände ausserhalb der Betriebe und der Preisdruck werden von den Produzentinnen vermehrt als Hindernis zur Umsetzung einer nachhaltigen Landwirtschaft wahrgenommen.  Doch obwohl Marktmechanismen als grösste Gefahr für die Werte des biologischen Landbaus identifiziert wurden, setzt die Biobewegung ihre Hoffnung vorwiegend darauf, dass sich umweltschonende Produkte an eben diesem Markt durchsetzen. Wenn dann Experten mit aufwändigen Studien das „Konsumverhalten“ erforschen und entsprechende Werbestrategien ein „nachhaltiges Verhalten“ erzeugen sollen, dann befinden wir uns meiner Meinung nach schon auf eben diesem Weg, den Gorz als technokratisch bezeichnete.

Biolandbau in der Schweiz existiert ja bereits seit den 1920er-Jahren. Weshalb hat es bis in die 1970er-Jahre gedauert, bis das FiBL gegründet wurde?

Ursina Eichenberger: Der biologische Landbau existierte in sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Mina Hofstetter kam von der Lebensreformbewegung und vertrat einen veganen Landbau (ohne Nutztiere). Rudolf Steiner kam von den Geisteswissenschaften, seine „Wahrheiten“ erforderten praktische Übung und keine Laboranalysen. Hans Müller wollte die Betriebe unabhängiger machen von der Agroindustrie, in seiner Definition waren jedoch Spritzmittel bis zur Giftklasse 4 erlaubt. Seit den 1970er-Jahren ist der Biolandbau stark von der ökologischen Bewegung geprägt. Die Ökologie als Wissenschaftszweig war in den 1970er-Jahren noch eine junge Disziplin. Die Vorstellung von Ökosystemen mit vielseitigen Interaktionen war noch neu. Um 1970 setzte sich innerhalb weniger Monate der Begriff „Umwelt“ durch, der bis dahin im Bedeutungszusammenhang Mensch-Natur nicht verwendet worden war. Das FiBL wurde als Forschungseinrichtung – so kann man spekulieren – erst auf der Basis von neuen Erkenntnissen möglich: Publikationen wie „Silent Spring“ der Biologin Rachel Carson zur Anreicherung von DDT in der Nahrungskette, aber auch der Bericht des Club of Rome zu den „Grenzen des Wachstums“ ermöglichten eine wissenschaftliche Kritik an der einseitig auf Ertragssteigerung ausgerichteten Landwirtschaft, wie sie damals von den eidgenössischen Forschungsanstalten gefördert wurde. So machten sie den Biolandbau zu einer ernstzunehmenden Alternative.

Wie lässt sich das gesellschaftliche und das landwirtschaftliche Umfeld der 1970er-Jahre beschreiben?

Ursina Eichenberger: Die Jahre um 1970 werden als gesellschaftspolitische Umbruchphase bezeichnet. Die 50er und 60er-Jahre waren in der Schweiz durch ein starkes wirtschaftliches Wachstum geprägt. Das Ziel der Agrarpolitik war eine sogenannte Modernisierung des Agrarsektors und die Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion. Selbst die Sozialdemokraten sahen darin vor allem den Vorteil von billigen Lebensmitteln. Gleichzeitig wurden hohe Einkommenssubventionen für die konventionelle Landwirtschaft durchgesetzt. Die Mechanisierung, chemisch-synthetische Dünge- und Pflanzenschutzmittel und Futtermittelimporte führten zu einer Produktivitätssteigerung, die Überproduktion mit sich brachte. Diese Praxis wurde Ende der 60er-Jahre durch die Sorge um die natürlichen Lebensgrundlagen und die Kontamination von Lebensmitteln problematisiert. Verschiedene soziale Bewegungen stellten den Glauben an technischen Fortschritt und ökonomisches Wachstum in Frage. Mit dem biologischen Landbau vertrat die ökologische Bewegung ein neues Verständnis von Landwirtschaft.

Welches waren die treibenden Kräfte hinter der FiBL-Gründung?

Ursina Eichenberger: 1973 fand die Gründungsversammlung der Stiftung zur Förderung des biologischen Landbaus statt. Hier versammelten sich die am Biolandbau interessierten Kreise – nachdem die Vorstösse auf politischer Ebene gescheitert waren: Fachleute aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sowie Vertreter der verschiedenen Richtungen des biologischen Landbaus, aus Umweltschutz- und Konsumentinnenorganisationen. Philippe Matile und Michael Rist, Professoren für Pflanzenphysiologie und Tierhaltung an der ETH, spielten neben Heinrich Schalcher, dem ersten Präsidenten der Stiftung, eine wichtige Rolle. Bei ihnen hatte Hardy Vogtmann studiert, sie schlugen ihn als Leiter des geplanten Instituts vor. Die Mitarbeiter kamen teilweise aus der traditionellen Landwirtschaft, viele hatten jedoch einen eher städtischen Hintergrund und engagierten sich während ihrer Ausbildung in der ökologischen Bewegung. Für sie war die Ausstellung „umdenken – umschwenken“ ein Schritt zur Politisierung und sie brachten ökologische Fragestellungen in die Arbeit im Institut ein. Wichtige Motivationen waren zudem die Gestaltungsfreiheit und das Entwicklungspotential sowie die Verbindung von Leben und Arbeiten. Das Engagement dieser jungen Leute war entscheidend, denn die Stiftung verfügte über wenig Ressourcen – es war bereits ein grosser Fortschritt als das Institut 1975 in einem alten Einfamilienhaus unterkam.

Welches waren aus deiner Sicht die wichtigsten Errungenschaften der ersten 10 Jahre?

Ursina Eichenberger: Die grösste Leistung war es meiner Meinung nach, dass es dem FiBL gelang, den Biolandbau von seinem sektiererischen Image zu befreien. Wissenschaftliche Fortschritte wurden erzielt und Methoden weiterentwickelt. Mindestens so wichtig war das gesellschaftspolitische Engagement des FiBL. Es trug massgebend zur Bekanntheit des biologischen Landbaus bei. Sehr zentral war die Umstellungsberatung. In Vorträgen, Kursen und Publikationen haben die Mitarbeitenden die neuen Erkenntnisse sehr praxisnah verbreitet. Auch die staatlichen Forschungsanstalten konnten sie beeinflussen: Aus arbeitstechnischen- und finanziellen Gründen wäre es unmöglich gewesen, alle gestellten Aufgaben im Alleingang zu lösen. Die Zusammenarbeit gelang über persönliche Kontakte und aufgrund des öffentlichen Drucks.

Eine Herausforderung stellte auch die Biobewegung selbst dar, weil die verschiedenen Richtungen ideologisch zerstritten und isoliert waren. Die Bewegung vernetzte sich zuerst auf internationaler Ebene, in der Dachorganisation IFOAM. Das FiBL organisierte die erste internationale wissenschaftliche Konferenz und betreute von 1976 bis 1980 das IFOAM-Sekretariat. In der Schweiz gelang es dem FiBL die verschiedenen Produzentenvereinigungen zusammenzubringen und gemeinsame Basisrichtlinien zu erarbeiten.

Die ersten FiBL-Mitarbeitenden strebten auch alternative Arbeits- und Lebensformen an. Wie wurden diese realisiert?

Ursina Eichenberger: Das „Insti“ verstand sich als Arbeitskollektiv, d.h. Forschungsprojekte, konkrete Probleme und die Ausrichtung des FiBL wurden an gemeinsamen Sitzungen diskutiert. Das Prinzip der Mitbestimmung sollte konsequent umgesetzt werden. Es gab auch keine „Feldequipe“ wie an den Forschungsanstalten: Oft mussten einfach alle, inklusive Institutsleiter, beim Setzen oder Ernten helfen. Mit der gemeinsamen Verantwortung war die gleichmässige Bezahlung verbunden. Ebenso charakteristisch waren gemeinsame Mittagessen und Diskussionen bis spät in die Nacht hinein. Auch wenn die Ideale teilweise mit den äusseren Bedingungen kollidierten – grundsätzlich wurden die, die sich engagierten auch gehört. Oberstes Organ der Stiftung war die Vollversammlung von Stiftern, Förderern und Institutsmitarbeiterinnen. Dies änderte sich als es 1984 zu Konflikten zwischen dem neuen Institutsleiter Henri Suter und den Mitarbeitern kam. Der Stiftungsrat stellte sich auf die Seite von Suter und verordnete ein „Reglement für das FiBL“, das auf einer straffen Führungsstruktur basierte. Das FiBL kehrte nachher  nicht mehr zur Selbstverwaltung zurück. Vieles aus dieser Zeit blieb intransparent, so fehlen im Archiv beispielsweise die Protokolle der Vollversammlungen von 1984 und 1985.

Mit der Zeit setzte eine „Konventionalisierung“ des biologischen Landbaus ein. Ist das ein gängiges Muster von sozialen Bewegungen?

Ursina Eichenberger: Die Konventionalisierung ist wohl die Kehrseite einer grossen Erfolgsgeschichte. Die Biobewegung kämpfte noch in den 1980er-Jahren um die Anerkennung des biologischen Landbaus. Mit dem Verkauf von Bioprodukten in Grossverteilern nahm die Anzahl biologisch bewirtschafteter Betriebe rasant zu. In der Agrarpolitik fand tatsächlich ein Umdenken statt. Gleichzeitig übten die staatlichen Regelungen zunehmend Einfluss auf die Richtlinien und die Kontrolle aus. Die Umstellung wurde primär über finanzielle Anreize gefördert. Dabei gerieten die grundlegenden Werte des biologischen Landbaus, insbesondere die sozialen Aspekte, in den Hintergrund. In der ersten Phase konnte der Biolandbau klar als Alternative zur industrialisierten Landwirtschaft auftreten. Je mehr eine Bewegung jedoch akzeptiert wird, umso schwieriger ist es, sich durch Distanzierung vom politischen Gegner eine Identität zu bilden. Es ist wohl kein Zufall, dass sich die Biobewegung in den letzten Jahren wieder vermehrt mit den eigenen Leitbildern und Visionen beschäftigt.

Wir befinden uns jetzt also in einer Rückbesinnungsphase?

Ursina Eichenberger: Ja. Denn „food waste“, ein nicht saisonales Gemüseangebot und lange Transportwege führen auch den Biolandbau meines Erachtens immer mehr von der Ökologie weg. Hier setzt von unterschiedlichen Seiten eine Gegenbewegung ein. Einige Aktive der regionalen Gartenkooperative ortoloco möchten zum Beispiel Produzentinnen und Konsumenten wieder näher zusammen bringen und dazu eine Kooperationsstelle für regionale solidarische Vertragslandwirtschaft gründen (siehe unten). In der Stiftungsurkunde des FiBL war dies übrigens bereits 1973 als Ziel formuliert.

Weitere Informationen

FiBL-Kontakt

Thomas Alföldi, FiBL Frick

Masterarbeit von Ursina Eichenberger

Ursina Eichenberger: Ökologie und Selbstbestimmung. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Oberwil, CH) 1970-1984 im Kontext der ökologischen Alternativbewegung, Lizentiatsarbeit der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, eingereicht bei Prof. Jakob Tanner, Zürich 2012.

Community Supported Agriculture (CSA)

Community Supported Agriculture (CSA) bzw. Regionale solidarische Vertragslandwirtschaft (RVL) verbindet im Wesentlichen drei Prinzipien:

Betriebsbeitrag statt Produktepreise

CSA schafft die Produktepreise ab und finanziert direkt die Produktion: Die Konsumenten bezahlen Betriebsbeiträge oder vereinbaren mit den Produzenten Flächenpauschalen, die die vollen Produktionskosten decken. Dies ermöglicht eine Risikoteilung, entlastet die Produzenten vom Preisdruck und sichert ihr Einkommen.

Kontinuität und Verbindlichkeit

Bei CSA schliessen sich Produzentinnen und Konsumentinnen längerfristig zusammen. Das (Gemüse-) Abo läuft jeweils ein ganzes Jahr, was der Anbauplanung entspricht. Es ist von Anfang an klar für wen produziert wird, die Vermarktung entfällt und die Nahrungsmittel kommen frisch und ohne Verluste bei den Konsumenten an.

Partizipation

In der CSA wird die Produktion von den Konsumentinnen mitgetragen. Sie beteiligen sich aktiv an der Entscheidung und Planung, was mit welchen Methoden und unter welchen Bedingungen produziert werden soll. Durch die praktische Mitarbeit im Betrieb und die persönlichen Erfahrungen wird die Wertschätzung für die bäuerliche Arbeit und die Lebensmittel gefördert.