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Zum Tod von Philippe Matile: "Die Knospe ist meine sichtbarste Spur"

Am Samstag, den 29. Oktober 2011, verstarb Philippe Matile im Alter von 79 Jahren. Philippe Matile war eine von sieben Persönlichkeiten, die am 1. Februar 1973 die "Schweizerische Stiftung zur Förderung des biologischen Landbaus", die Trägerin des FiBL, gründeten. Philippe Matile trieb die Entwicklung des FiBL massgebend vorwärts. Für einen Film über die Geschichte des Biolandbaus besuchte Thomas Alföldi den ehemaligen ETH- und Uni-Professor im Frühling 2011. Hier eine Zusammenfassung des Gesprächs.

Philippe Matile in den 1980er Jahren

Philippe Matile in den 1980er Jahren. Foto: zVg

Philippe Matile bei seinem letzten Interview 2011

Philippe Matile bei seinem letzten Interview 2011. Foto: Giorgio Zehnder

Reinzeichnung der Knospe

Reinzeichnung der Knospe: Foto: Giorgio Zehnder

Vorlesungsskript von Philippe Matile

Die Biologie-Vorlesung an der ETH von Philippe Matile ist vielen Studierenden der Agronomie in bester Erinnerung. Der Autor hat das Vorlesungsskript mit zahlreichen Illustrationen bereichert.

Vorlesungsskript von Philippe Matile

Vorlesungsskript von Philippe Matile.

(09.11.2011) 

Während seiner Postdoktorandenzeit an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) wohnt Philippe Matile mit seiner Familie auf dem biologisch-dynamisch geführten Hof Breitlen von Emil und Alice Meier in Hombrechtikon bei Zürich. Als Pflanzenphysiologe ist er erstaunt, dass dieser Betrieb ohne zusätzliche Düngung mit Mineralstoffen so gut funktioniert.

Unter dem Titel „Grenzen der Kunstdüngerwirtschaft“ verarbeitet er 1966 seine Beobachtungen auf dem Hof Breitlen in einem Artikel in der angesehenen Tageszeitung "DIE TAT" (siehe Links unten). Er hinterfragt die konventionelle Düngungslehre und schliesst mit dem Satz: "Offenbar verarmt die Erde nicht, wenn der Bauer das unsichtbare Leben in seinem Boden durch kunstvoll richtige organische Düngung in optimaler Aktivität erhält."

Der Artikel löst ein gewaltiges Echo aus, zahlreiche Zeitungen drucken ihn nach. Die Kollegen an der ETH sind verärgert, gleichzeitig wird der EVP-Nationalrat Heinrich Schalcher auf den jungen Professor aufmerksam (EVP = Evangelischen Volkspartei der Schweiz). Schalcher fordert bereits seit einiger Zeit eine eigene Forschungsanstalt für biologischen Landbau. Obschon Matile klar gemacht wird, er habe sich als ETH-Professor in der Öffentlichkeit zurückhaltender zu äussern, hält er im Oktober 1971 in Bern einen Vortrag unter dem Titel „Umweltschutz und Landwirtschaft“. Aus diesem Vortrag übernimmt Heinrich Schalcher die wichtigsten Punkte, als er kurze Zeit später seine Motion zur Schaffung einer biologischen Versuchsanstalt im Nationalrat vertritt. Die Reaktion des zuständigen Bundesrats Ernst Brugger fällt zurückhaltend aus: "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, auch wenn die Schwalbe ein bekannter Professor ist" (zit. nach Kupper 1996).

Die Direktoren der Forschungsanstalten, mit Ausnahme von Direktor Bovay von der Forschungsanstalt Liebefeld, seien auf ihn losgegangen, erinnert sich Matile. Er wird zu einer Aussprache bei Bundesrat Brugger vorgeladen, an der auch die Spitzen der Forschungsanstalten und des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) teilnehmen. Am Ende der Sitzung erteilt Ernst Brugger dem BLW-Direktor Jean-Claude Piot den Auftrag, mit den Vertretern des Biolandbaus zu verhandeln. "Wir waren beide Pfeifenraucher; das hat die unangenehme Situation deutlich entspannt", meint Matile rückblickend.

Die Gruppe um Heinrich Schalcher hatte sich in der Zwischenzeit entschieden, auf privater Basis ein Forschungsinstitut zu gründen. Auf der Suche nach einem Standort für dieses "Institütchen", wie er die Neugründung gerne nennt, spielt Matile wiederum eine Schlüsselrolle. Über ihn kommt der Kontakt zu den Besitzern des Bruderholzhofes in Oberwil Kanton Baselland zustande.

Gemeinsam mit dem ETH-Dozenten Michael Rist überzeugt Matile den ehemaligen ETH-Doktoranden Hardy Vogtmann, der damals für ein Postdoktorat in Kanada weilt, in die Schweiz zurückzukehren und als erster Institutsleiter das neu gegründete FiBL aufzubauen.

An der Planung des DOK-Versuchs ist Matile neben Jean-Marc Besson von der Forschungsanstalt Liebefeld, Hardy Vogtmann und dem ETH-Professor Vittorio Delucchi ebenfalls beteiligt.

Matile findet, das neue Institut brauche ein gut erkennbares Logo in seinem Briefkopf. Christian Brügger, ein befreundeter Zeichnungslehrer, liefert ihm einen ganzen Stapel mit Entwürfen. Matile wählt eine dieser Skizzen aus, macht davon eine Reinzeichnung – und die Knospe ist geboren (siehe Bild rechts). Die Knospe wurde zuerst das Logo des FiBL (1974 bis 1993) und ab 1982 auch das Logo der Vereinigung schweizerischer biologischer Landbauorganisationen VSBLO, heute Bio Suisse. "Die Knospe ist meine sichtbarste Spur, wenn ich einmal gestorben bin", sagt er am Ende unseres Gesprächs.

Diese Einschätzung erstaunt, zählte Matile doch zu den bedeutendsten Botanikern und Pflanzenphysiologen seiner Zeit. Für seine Forschungsarbeiten zur "Seneszenz von Blättern" an der ETH und an der Universität Zürich wurde er sogar für den Nobel-Preis vorgeschlagen. Diese 1971 publizierte Arbeit ist bis heute ein oft zitiertes Grundlagenwerk geblieben. Zahlreiche bekannte Pflanzenphysiologen und Molekularbiologen haben beim ihm studiert oder doktoriert.

Autor: Thomas Alföldi

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