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Urs Niggli
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Rio+20 aktuell: Die Ohnmacht der Wissenschaft

(14.06.2012) 

Es ist Winter am Strand von Copacabana. Unsere Delegation ist in einem kleinen Apartmenthaus an der mondänen Avenida Atlantica mit der Hausnummer 2516 untergebracht, getrennt vom Strand nur durch eine Tag und Nacht nicht abflauende Autokolonne. Die Temperatur liegt bei angenehmen 24 Grad, die Luft ist sehr feucht.

Rio de Janeiro ruft zum Weltgipfel Rio+20, zur United Nations Conference on Sustainable Development (siehe www.uncsd2012.org). Es geht darum, gemeinsam Rückblick zu halten auf die 20 Jahre, welche seit der ersten Rio-Konferenz vergangen sind. Und es geht auch darum, die Themen, die unsere Gesellschaft verändern werden, nach Finanz- und Wirtschaftskrisen wieder zuoberst auf die Agenda der öffentlichen Diskussion zu bringen. Was die Delegation der IFOAM, des internationalen Dachverbandes der Biolandbau-Organisationen, natürlich besonders interessiert, sind die immer gleichen Themen: der rasante Verlust an biologischer Vielfalt, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ernährungssicherheit und auf die wirtschaftliche Entwicklung der Kleinbauern, oder die immer noch rein Output-orientierte, ökologisch und sozial nicht nachhaltige Ausrichtung der Landwirtschaft.

Erinnerungen an den Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember 2009 kommen auf, als IFOAM und FiBL erstmals versuchten, die Potenziale des Biolandbaus an einer grossen internationalen Tagung sichtbar zu machen. Winter bedeutete damals stundenlanges Schlangestehen bei minus 20 Grad, Schneegestöber und Chaos. Kopenhagen war mit dem Ansturm von 45ʼ000 Delegierten am Rande des Zusammenbruchs und die Sicherheit der weit über hundert Staatschefs konnte nicht mehr gewährleistet werden. Gut sind die Winter in Rio milder und die Menschen haben ein sonniges Gemüt.

Für Rio+20 haben sich 19ʼ000 Delegierte angemeldet. Man rechnet, dass es weit mehr sein werden und dass wiederum ein Chaos entstehen wird. Am Dienstagabend schaffte es die kleine IFOAM-Delegation gerade noch, sich vor sieben Uhr abends registrieren zu lassen. Rio, das bedeutet einen täglichen Kampf mit dem Verkehr. Busse und Taxis stecken gleichermassen fest. Die Konferenzorte sind teilweise 40 Kilometer voneinander entfernt, das kann zweieinhalb Stunden Busfahrt bedeuten. Die Brasilianer nehmen das gelassen, ich muss mich zuerst entschleunigen.

Die beiden Young Organics, Pavlos von Griechenland und Grace von Kenia, sind überall zuvorderst. Pavlos macht mit seinem iPad ständig Interviews, mit ganz prominenten Leuten wie Achim Steiner, dem UNEP-Direktor, oder mit kleinen Gemüseselbstversorgern in den Favelas. „The Future we want is Organic!“ bloggt er ungeduldig (youngorganics.wordpress.com/category/rio20/). Recht hat er, wir „Gestandeneren“ sind natürlich viel diplomatischer. Denn selbst die Agrarökologie hat in Rio noch einen schweren Stand. Es ist kein guter Zeitpunkt für zu viel Ökologie. Angeblich fehlt das Geld, und dann zeigen auch die Werbeanstrengungen der Agroindustrie Wirkungen, welche stark auf die weitere Intensivierung der Landwirtschaft setzen.

Die EU-Gruppe der IFOAM entwickelte 2008 das visionäre Bild einer ökofunktionalen Intensivierung der Landwirtschaft (siehe www.tporganics.eu/). Dies bedeutet, dass die Bäuerinnen und Bauern ihre ganze Energie in fruchtbare Böden, in eine intakte, vielfältige Landschaft und vielseitige und artenreiche Anbausysteme investieren und dadurch höhere Erträge erzielen. Im Laufe der weltweiten Diskussion wurde der Begriff zu ökologischer Intensivierung abgeschwächt, was bedeutet, dass man intensiviert und dabei in Zukunft weniger Umweltschäden zu verursachen versucht. Dann wurde plötzlich nur noch von nachhaltiger Intensivierung geredet. Da jeder etwas anderes unter nachhaltig versteht, sind dem Tiger die Zähne definitiv gezogen.

Seit Montag dieser Woche tagen die Wissenschaftler an der Pontifícia Universidade Católica do Rio de Janeiro - PUC-Rio (www.puc-rio.br/index.html). Hier möchte ich Student sein! In Hörsälen, Cafeterias und an Arbeitsplätzen mitten in üppigster tropischer Vegetation, zwischen hohem Bambus und riesigen Palmen.

Das Forum on Science, Technology & Innovation for Sustainable Development (siehe www.icsu.org/rio20/science-and-technology-forum) tagte für fünf Tage (bis diesen Freitag). David Steuerman vom Sekretariat der Convention on Biological Diversity (CBD) in Montreal zog eine ernüchternde Bilanz: „Wir sind elendiglich gescheitert! Der Rückgang der biologischen Vielfalt geht immer schneller weiter. Keine Regierung nimmt Erfolge für sich in Anspruch!“ Die Ohnmacht der Wissenschaft ist an der ganzen Tagung mit Händen zu greifen. In der Analyse, welche stets düster ausfällt, sind sich alle einig. Fast jedes Referat wird mit dem mittlerweile berühmten Satz „Business as usual is no longer possible“ eingeleitet oder beendet. Der Satz stand bereits 2008 in den Schlussfolgerungen des Weltagrarberichts (siehe www.agassessment.org). Was die von allen als notwendig erkannten radikalen Veränderungen aber konkret heissen sollen, bleibt nebulös oder widersprüchlich. Ich werde im zweiten Blog auf einzelne Highlights der Tagung zurückkommen.

Eine gute Startvorlage also für die ökologische Landwirtschaft? Die „Bios“ sind ja bekannt dafür, für alles eine Lösung zu haben! Die IFOAM erhielt die Möglichkeit, ein anderthalbstündiges Side-Event zu veranstalten. Der ausufernde Titel der Veranstaltung war „Ernährungssicherheit und nachhaltige Landwirtschaft: Die Nach-Rio-Agenda für Wissenschaft und Wissensvermittlung für eine nachhaltige Armutsbekämpfung“. Dabei zeigten André Leu, der IFOAM-Präsident aus Australien, Hans Herren von der Biovision und Preisträger des FAO-Ernährungspreises sowie Urs Niggli vom FiBL Ausschnitte aus faszinierenden und erfolgversprechenden Forschungen in der ökologischen Landwirtschaft. Die Innovation ist dabei überwältigend, sei es in der Bodenfruchtbarkeitsforschung, in der organischen Düngung und Kompostierung, im biologischen Pflanzenschutz, in der natürlichen Tiermedizin oder in der Züchtung. Grenzen setzen eigentlich nur die mangelnden Finanzen für solche Lösungsansätze, nicht die Ideen und nicht die Erfolgschancen.

Sue Edwards vom Institute for Sustainable Development in Äthiopien zeigte am Beispiel der Provinz Tigray, dass wissensintensive ökologische Techniken ohne Weiteres Tausenden von Kleinbauernfamilien zugänglich gemacht werden können. Vorausgesetzt, es wird endlich wieder mehr Geld in die öffentliche landwirtschaftliche Beratung investiert. Ins gleiche Horn stiess Bishwadeep Ghose von Indien, der im Auftrag der niederländischen Entwicklungsorganisation HIVOS als „Knowledge Officer“ unterwegs ist. Sein Hauptanliegen ist, artenreiche landwirtschaftliche Anbausysteme, welche eine ausgezeichnete Robustheit haben, um sich erfolgreich an den Klimawandel anpassen zu können, in ganzen Regionen wieder einzuführen. Weg von Monokulturen hin zu vielfältiger Landwirtschaft.

Maria Fernanda Fonseca schliesslich, die seit vielen Jahren am brasilianischen Forschungsinstitut PESAGRO arbeitet, räumte mit dem Vorurteil auf, dass Biolandbau nur etwas für den Export nach Europa, Japan oder in die USA sei. Sie stelle vier brasilianische Initiativen vor, welche auf dem Prinzip der eigenverantwortlichen Kontrolle basieren und Bioprodukte für die lokalen Märkte erzeugen. Das in Brasilien entwickelte Modell eines Participatory Guarantee System (PGS) beruht sehr stark auf einem Prinzip, das in der Wissenschaft verbreitet ist, nämlich die Qualitätssicherung durch Peer-Review. „Warum sollten Bauern nicht beurteilen können, ob ein Kollege biologisch anbaut oder nicht? Warum braucht es externe Kontrolleure, welche oft von Europa und den USA kommen?“, war ihre Schlussfolgerung. Die vier brasilianischen Initiativen haben gegen 10ʼ000 Mitglieder und die Bewegung ist stark wachsend. Mehr über PGS ist auf www.ifoam.org/about_ifoam/standards/pgs.html zu finden.

Sébastien Treyer vom Institut de développement durable et des relations internationales (IDDRI) in Paris stellte die aktuelle Reform der internationalen Agrarforschung (GCARD, gcardblog.wordpress.com) dar, welche vor allem die CGIAR-Zentren im Fokus hat. Die Consultative Group on International Agricultural Research (www.cgiar.org) ist ein Zusammenschluss der wichtigsten Forschungszentren im Süden, welche sich mit der Verbesserung der Ernährungssituation beschäftigen. Im Rahmen dieser Reform bekommen agrarökologische Forschungsansätze einen höheren Stellenwert. Sébastien Treyer sieht dabei zahlreiche Möglichkeiten zum Dialog mit der biologischen Forschung.

Noch ist Rio+20 jung. Hoffnungen auf Veränderungen sind da, die Menschen sind aber nur vorsichtig optimistisch. Der Schock vom Klimagipfel in Kopenhagen sitzt allen noch im Nacken.

In meinem nächsten Beitrag werde ich in meinem Blog über eine Veranstaltung zu bäuerlichem Wissen in der akademischen Wissenschaftskommunität berichten. Und über die IFOAM/FiBL-Initiative für eine Verstärkung der Forschung im Biolandbau.

Urs Niggli, 14. Dezember 2012, 15:44 Uhr

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