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Thomas Lindenthal
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FiBL Österreich nimmt Stellung zur Stanford-Studie

Die Veröffentlichung und vor allem die mediale Aufbereitung einer neuen Meta-Analyse von Forscherinnen und Forschern der Stanford Universität (Smith-Spangler et al. 2012) hat die seit Jahrzehnten andauernde Kontroverse über den Gesundheitswert von Bioprodukten wieder neu entfacht.

(25.10.2012) 

Die Forscherinnen und Forscher der Stanford University Medical School haben Ergebnisse ausgewählter Studien, die in international begutachteten Zeitschriften bereits veröffentlicht wurden, ausgewertet und sich dabei die Frage gestellt: Sind Biolebensmittel sicherer oder gesünder als konventionelle Produkte? Dabei wurden Nährstoffgehalte, Pestizidrückstände, mikrobielle Verunreinigungen sowie das Vorkommen von Antiobiotika-resistenten Bakterien in den verschiedensten Lebensmitteln beachtet. Auch Ergebnisse von Ernährungsversuchen mit Menschen wurden analysiert.

Zusammenfassend geben Smith-Spangler et al. (2012) an, dass die umfangreiche Studie einen begrenzten gesundheitlichen Vorteil von Biolebensmitteln feststellen konnte. Es konnten laut Autorinnen und Autoren keine deutlichen Gesundheitsvorteile der Ernährung mit Bioprodukten im Vergleich zu konventioneller Ernährung nachgewiesen werden, obwohl nach Ergebnissen dieser Studie Biolebensmittel die Belastung mit Pestizidrückständen reduzieren und Hühner- und Schweinefleisch aus biologischer Landwirtschaft die Kontamination mit Antibiotika-resistenten Bakterien verringern könnten.

Zahlreiche Schwachstellen bei Stanford-Studie

Alberta Velimirov und Thomas Lindenthal (FiBL Österreich) nahmen die Stanford-Studie genau unter die Lupe. Neben oben genannten Ungereimtheiten weisen die beiden Wissenschafter auf eine Reihe gravierender Schwächen hin.

Hier nur einige der Kritikpunkte:

  • Die von Smith-Spangler et al. (2012) sehr eingeschränkt nachgewiesenen gesundheitlichen Vorteile der Bioprodukte decken sich nicht mit anderen vergleichbaren Metaanalysen, ignorieren die Befunde aus der Grundlagenforschung und resultieren auch aus methodischen Schwächen. Zudem muss die Bedeutung von punktuell ausgewählten Parametern der Lebensmittelqualität für das Gesamtsystem relativ gesehen werden. Nur eine umfassende Interpretation, unter Einbeziehung aller Nachhaltigkeitsparameter entlang der Produktionskette, spiegelt den Gesamtwert eines Lebensmittels wider.
  • Einige, der für Bioprodukte aus gesundheitlicher Sicht positiven Ergebnisse, die noch im Ergebnisteil von Smith-Spangler et al. (2012) erwähnt sind, wurden weder in der Zusammenfassung noch in den Presseaussendungen angegeben. Zu den Ergebnissen, die in der Zusammenfassung nicht erwähnt wurden, zählen der Trend zu höheren Gehalten an Gesamtphenolen, höhere Gehalte an gesundheitsfördernden Fettsäuren in biologischer Kuhmilch, eine gesundheitsfördernde Fettsäurezusammensetzung in Muttermilch, bei vornehmlich biologischer Ernährung der Mutter sowie reduzierte Gehalte an Deoxynivalenol (Mykotoxin) in Biogetreide.
  • Die Studie spricht von einem geringeren Risiko von Pestizidrückständen und Antibiotika-resistenten Bakterien bei Bioprodukten. Die Risikominderung liegt laut Autorinnen und Autoren bei 30 %. Dieses Ergebnis basiert allerdings auf einer unüblichen Berechnungsart. Bei anerkannten statistischen Methoden beläuft sich dieses reduzierte Risiko von Bioprodukten auf 81 %.
  • Selbst das klare Ergebnis hinsichtlich der deutlich geringeren Pestizidrückstände in Bioprodukten wird von den Autorinnen und Autoren der Stanford-Studie relativiert, indem darauf hingewiesen wird, dass das Risiko von Grenzwertüberschreitungen bei beiden Produktionsformen (bio und konv) relativ gering sei. Da es sich aber nie um nur einen einzelnen Rückstand handelt, sondern um die Wechselwirkung unterschiedlicher Stoffe, wird mittlerweile auch in der EU diskutiert, wie Rückstandsinteraktionen (also Wechselwirkungen zwischen z.B. verschiedenen Pestiziden) besser untersucht werden können.
  • Ernährungsversuche mit Menschen sind nicht nur teuer, sondern vor allem sehr schwer durchzuführen. Abgesehen von der Schwierigkeit, Langzeitversuche, die zur Feststellung klinisch relevanter Unterschiede notwendig wären, zu realisieren, ist die Gesundheit der Menschen von vielen Einflüssen abhängig. Kurzfristige Ernährungsumstellungen, wie sie in der Stanford-Studie analysiert wurden, ergeben keine klinisch relevanten Ergebnisse.
  • In Ergänzung zu Ernährungsversuchen bei Menschen sind Tierfütterungsversuche wesentlich, um in längerfristigen Beobachtungszeiträumen die Wirkung von Bioprodukten auf genetisch idente Tierpopulationen zu untersuchen. Tierfütterungsversuche, in denen die positiven Effekte biologischer Produkte auf höhere Fruchtbarkeit, geringere Jungensterblichkeit sowie auf das Immunsystem nachgewiesen wurden, werden in der Stanford-Studie völlig ignoriert.
  • Eine ganz ähnliche Studie wie jene aus Stanford, die von den renommierten Forscherinnen und Forschern der Newcastle University veröffentlicht wurde (Brandt et al. 2011), wird nicht berücksichtigt. Diese Studie, die die Vorteile der Bioprodukte weit ausgeprägter nachweist, wurde just einen Tag nach der Stanford-Studie veröffentlicht und war den Stanford-Autorinnen und -Autoren sicherlich über Vorläuferpublikationen bekannt.

Lindenthal und Velimirov kommen nach detaillierter Analyse zu dem Schluss, dass es sich bei der Stanford-Studie um eine wenig sorgfältige Arbeit mit oberflächlicher, zum Teil nicht nachvollziehbarer Interpretation von Ergebnissen handelt, die zudem auch häufig ein grundlegendes Verständnis für relevante systemische Zusammenhänge vermissen lässt.

Forschung zur Weiterentwicklung des Biolandbaus nötig

Die Studie selbst - wie generell viele bereits durchgeführte Vergleichsuntersuchungen - weist methodische Schwächen auf und dient, ebenso wie die mediale Aufbereitung von Vergleichsuntersuchungen nicht der Weiterentwicklung des Biolandbaus. Es bräuchte vielmehr Forschungsanstrengungen innerhalb des Systems der biologischen/ökologischen Landwirtschaft. Angesichts des weit fortgeschrittenen Wissensstandes über die Vorteile und Entwicklungspotenziale des biologischen/ökologischen Landbaus sollten die knappen Forschungsmittel besser in dessen Weiterentwicklung fließen. Dies würde zu einer weiteren Verbreitung der Biolandwirtschaft und einer Ausweitung des Konsums biologischer Lebensmittel führen und hätte neben gesundheitlichen Vorteilen auch viele positive ökologische, aber auch sozio-ökonomische Effekte in Richtung nachhaltige Entwicklung.

(Bei dem Text handelt es sich um Auszüge aus der Stellungnahme von Thomas Lindenthal und Alberta Velimirov. Die ausführliche Stellungnahme zur Stanford-Studie steht als Download zur Verfügung).

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