Faszination Bioforschung:
Das Immunsystem von Pflanzen anregen
Beitrag von Dr. Lucius Tamm, Phytopathologe, FiBL
Pflanzen können sich aktiv gegen Krankheitsbefall wehre ; sie haben
Abwehrkräfte, die sie mobilisieren können. Wo der Mensch zielgerichtet
versucht, diese Abwehrkräfte anzuregen, zu fördern, die Pflanze
gleichsam zu «impfen», spricht man von induzierter Resistenz.
Mechanismen der induzierten Resistenz können nach einer Behandlung
der Pflanze mit geeigneten mikrobiologischen oder chemischen Mitteln
wirksam werden. Zuerst wird induzierte Resistenz in der Regel an
der behandelten Stelle beobachtet, man spricht von lokaler induzierter
Resistenz (local acquired resistance).Einige Zeit später lassen
sich Abwehrmechanismen auch auf entfernteren Pflanzenteilen feststellen.
In diesem Falle handelt es sich um systemische induzierte Resistenz
(systemic acquired resistance)(Agrios 1988).
Wegbereitend für die Erforschung des Phänomens der induzierten
Resistenz war zu Beginn der 80er Jahre ein Experiment, das mit Gurke
und dem Erreger Colletotrichum lagenariumdurchgeführt wurde: Bei
der einen Gurkenpflanze wurde das unterste Blatt infiziert, eine
Kontrollpflanze blieb unbehandelt. Nach einer Woche wurden die ganzen
Pflanzen mit einer krankheitserregenden Sporensuspension behandelt.
Nach Ablauf einer weiteren Woche zeigte sich, dass die bereits infizierte
Pflanze keine weiteren Infektionsstellen aufwies, während die Kontrollpflanze
mit Infektionsstellen übersät war. Die Forscherinnen und Forscher
schlossen daraus, dass die erste Infektion Prozesse ausgelöst hatte,
die zur Resistenzbildung in den anderen Blättern führte.
Inzwischen ist klar, dass Pflanzen sich aktiv gegen Krankheitsbefall
wehren können. Die induzierten Gurkenpflanzen waren gegen mindestens
13 Krankheitserreger immun. Verschiedene Forschungsgruppen trugen
in der Folge zum besseren Verständnis der Prozesse bei (Reviews
siehe Kessmann et al. 1994a; Kessmann et al. 1994b; Uknes et al.
1995).
Merkmale und Mechanismen
Nach einer Infektion mit einem Krankheitserreger zeigen Pflanzen
verschiedene Abwehrmechanismen. Als erstes tritt oft das spontane
Absterben der befallenen Zellen auf. Dadurch soll dem Krankheitserreger
die Lebensgrundlage entzogen werden. Dieses Phänomen wird als hypersensitive
Reaktion bezeichnet. Später werden Phytoalexine* gebildet, die den
Krankheitserreger eingrenzen und abtöten.
Das rechtzeitige Erkennen eines Angriffs durch einen Erreger spielt
eine entscheidende Rolle. Die induzierte Resistenz, so wird vermutet,
basiert hauptsächlich auf der Aktivierung der pflanzeneigenen Erkennungssysteme
und rechtzeitigen Bildung von Phytoalexinen. Sofern die Wirtspflanze
einen Angriff rechtzeitig erkennt, kann sie die Infektionsstelle
isolieren und die weitere Ausbreitung der Krankheit stoppen. Welche
Stoffe für das systemische Signal in der Pflanze zuständig sind,
ist nicht bekannt. Man hat jedoch zeigen können, dass Acetylsalicylsäurean
der Übertragung des Signals beteiligt ist (Ryals et al. 1996).
Mit der Resistenzinduktion geht eine Akkumulation von besonderen
Proteinen, sogenannten pathogenesis-related proteinseinher. Einige
dieser Proteine wurden als b -1,3-Glucanasen, Chitinasenund Thaumatin-ähnliche
Proteine identifiziert. Das sind Enzyme, die pilzliche oder bakterielle
Zellwände abbauen können. Histologische Studien haben ferner gezeigt,
dass in induzierten Gurken die Penetration durch die Krankheitserreger
gehemmt wird. Es wird daher angenommen, dass die Bildung von Papilla
** und die Verholzung der Zellwände mit induzierter Resistenz in
Zusammenhang stehen (Kessmann et al. 1994b).
Resistenzinduktoren
Mikroorganismen, mikrobielle Extrakte oder chemische Substanzen, die
Resistenzen induzieren können, nennt man Induktoren. Mikrobiologisch
kann zum Beispiel durch die Behandlung der Pflanze mit einem nicht
virulenten Stamm des Krankheitserregers oder durch eine Infektion
mit dem Krankheitserreger selbst Resistenz induziert werden. So lassen
sich etwa Kartoffeln durch eine lokale Präinfektion mit dem harmlosen
Pilz Phytophthora cryptogeainduzieren. Sie sind in der Folge tolerant
gegen den krankheitserregenden Pilz Phytophthora infestansund gegen
das Bakterium Erwinia carotovora(Dutton et al. 1997). Maispflanzen
kann man mit einer gutartigen Variante des Krankheitserregers Cochliobolus
carbonuminduzieren. Sie zeigen in der Folge Resistenz gegen diesen
Erreger, der die Helminthosporium-
Blattflecken verursacht (Cantone und Dunkle 1990a; Cantone und
Dunkle 1990b). In anderen Studien konnte mit wachstumsfördernden
Rhizobakterien Resistenz induziert werden. Dieser Ansatz besticht
insofern, dass Krankheitsregulierung und Förderung der Pflanzengesundheit
mit ein und derselben Behandlung erfolgen können.
Sowohl mikrobiologische als auch chemische Induktoren greifen in
die noch wenig verstandene Signalkette in der Pflanze ein. Der erste
solche Stoff, mit dem die Signalkette künstlich in Gang gesetzt
werden konnte, war Acetylsalicylsäure. Diese Verbindung wird von
den Pflanzen allerdings schlecht aufgenommen, wenn man sie äusserlich
auf das Pflanzengewebe spritzt. Ferner zeigt Acetylsalicylsäure
starke toxische Wirkungen auf zahlreiche Pflanzen.
Weitere chemische Verbindungen, mit denen in Pflanzen Resistenz
induziert werden kann, sind 2,6-Dichlor-Isonicotinsäureund ihr Methylester,
die beide unter dem Namen INAlaufen (Kessmann et al. 1994a). Der
Resistenzinduktor Benzo[1,2,3]thiadiazol-7-Thiocarbonsäure-S-Methylesterwurde
von Ciba-Geigy (heute Syngenta) entwickelt. Er wurde Mitte der neunziger
Jahre unter dem Handelsnamen Bionvon der Herstellerfirma intensiv
gefördert. Bion zeigt laut Forschungsberichten alle Eigenschaften
eines chemischen Resistenzinduktors (CIBA 1995).
Ferner werden die Wirkungen des möglichen Resistenzinduktors PENam
Forschungsinstitut für biologischenLandbau (FiBL) erforscht. PEN
ist ein wässriger Extrakt aus Zellwandbestandteilen des Pilzes Penicillium
chrysogenum. Bisher konnte gezeigt werden, dass PEN als physiologische
Barriere gegen Krankheitserreger wirkt und in Tomaten, Gurken und
Reben – zumindest lokal – auch Resistenz induzieren kann (Rentsch
1998). Ob durch PEN auch systemische Resistenzmechanismen induziert
werden, ist Gegenstand laufender Forschungsprojekte des FiBL.
Potenzial
Das Konzept der induzierten Resistenz basiert vollständig auf natürlichen,
in der Pflanze vorhandenen Abwehrmechanismen. Induzierte Resistenz
kann die Anfälligkeit herkömmlicher Sorten reduzieren, womit sich
ein gewisses Mass an Ertragssicherheit gewinnen lässt. Bestechend,
obwohl noch weitgehend unverstanden, ist das Konzept der Resistenzinduktion
über den Boden. Dieser Ansatz nimmt einen der grundlegendsten Gedanken
der biologischen Anbauweise auf, nämlich die Produktion gesunder
Pflanzen auf einem nachhaltig tragfähigen Boden. Dabei wird der
Boden als vielseitiges ökologisches System verstanden.
Das grosse Potenzial der Resistenzinduktion erfordert eine starke
Intensivierung der Forschung auf diesem Gebiet, um die hier ineinander
greifenden Mechanismen besser zu verstehen und geeignete Präparate
zu finden.
Anmerkungen
* Der Begriff Phytoalexinebezeichnet eine Vielzahl von Verbindungen,
die von Pflanzen als Reaktion auf Krankheitsbefall gebildet werden.
Häufig haben diese Substanzen eine fungizide Wirkung.
** Lokale Verdickungen der Zellwände
Literatur
- Agrios G.N. (1988): Plant Pathology. San Diego, 803 S.
- Cantone F.A. & Dunkle L.D. (1990a): Involvement of an inhibitory
compound in induced resistance of maize to Helminthosporium carbonum.
Phytopathology,80 (11), 1225–1230
- Cantone F.A. & Dunkle L.D. (1990b): Resistance in susceptible
maize to Helminthosporium carbonum race 1 induced by prior inoculation
with race 2. Phytopathology,80 (11), 1221–1224
- CIBA (1995): CGA 245704 – A Plant Activator for Disease Protection.
Basel, Juni 1995, Technical Data Sheet
- Dutton M.V., Rigby N.M. & Macdougall A.J. (1997): Induced
resistance to Erwinia carotovora ssp. atroseptica, through the
treatment of surface wounds of potato tubers with elicitors. Journal
of Phytopathology,145 (4), 163–169
- Kessmann H., Staub T., Hofmann C., Maetzke T. & Herzog J.
(1994a): Induction of systemic acquired disease resistance in
plants by chemicals. Annual Review of Phytopathology,32, 439–459
- Kessmann H., Staub T., Ligon J., Oostendorp M. & Ryals J.
(1994b): Activation of systemic acquired disease resistance in
plants.
- European Journal of Plant Pathology,100, 359–369
- Rentsch C. (1998): Induced Resistance Caused by PEN in Tomato
(Phytophthora infestans), Cucumber (Colletotrichum lagenarium/Pseudoperonospora
cubensis/Erysiphe sp.)and Grapevine (Plasmopara viticola).Diplomarbeit,
Phytopathologie, Botanisches Institut, Universität Basel, 65 S.
- Ryals J., Neuenschwander U.H., Willits M.G., Molina A., Steiner
H.-Y. & Hunt M.D. (1996): Systemic Acquired Resistance. The
Plant
- Cell,8, 1809–1819
- Uknes S., Vernooij B., Williams S., Chandler D., Lawton K.,
Delaney T., Friedrich L., Weymann K., Negrotto D., Gaffney T.,
Gut-Rella M., Kessmann H., Alexander D., Ward E. & Ryals J.
(1995): Systemic Acquired Resistance. HortScience,30 (5), 962–963
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